In diesem Jahr hast du mit deinem zeitlich und räumlich offenen Projekt Earth Plugs begonnen.
Ich bin jetzt, mit 38 Jahren, in einer Lebensphase, in der man zu reflektieren beginnt, was man tut und warum. In der Übersicht auf alles Bisherige bin ich - für mich selbst überraschend - darauf gekommen, dass Räume für mich interessant geworden sind. Ich sehe jetzt, dass ich bisher immer ein bisschen neben den relevanten Anforderungen hergearbeitet und Gegenstände für den Kunstbetrieb hergestellt habe. Eigentlich war mir über lange Zeit nicht bewusst, dass mich vor allem das Ausloten von Reaktionen auf konkrete Arbeiten interessiert. Das stelle ich mir vor wie Sonden, die ich in verschiedene Bereiche oder Systeme einführe. Die Räume, die ich so auszuloten versuche, könnte man als Kategorien des menschlichen Bewusstseins, der Gesellschaft oder im weitesten Sinn als mediale Räume bezeichnen.
Mit diesen Eingriffen werden, wenn auch geringe, immerhin Verunsicherungen an verschiedenen Systemen bewirkt?
Genau. Ich bin über den Umgang mit den Earth Plugs auch mit der Street Art Szene in Berührung gekommen. Ich möchte aber nicht mit dem Zeigefinger auf etwas hinweisen oder in einer Art von Aggression meine Informationen oder Zeichen setzen, vielmehr ist es für mich eine schenkende Geste, während der ich mobil agiere.
Das ist deine Interpretation. Street Art steht auch für subversive Handlungen.
Im Grundgedanken ist es das auch. Mich interessiert daran allerdings der Ansatz, nachdem ich ja die sozusagen klassische Karriere des Sprayens nicht durchlaufen habe, dass meine Interventionen sich selbst schützen, indem sie gut gesetzt sind und spannende Inhalte transportieren. Diesem Zweck entspricht ja auch die Bauweise der Earth Plugs. Ich versenke jetzt beispielsweise einen Plug, in dem ein von mir angebissener Apfel liegt, in den Fußboden der Kirche St. Andrä [Graz]. Der Plug, wie alle anderen, ist ein nahezu luftdicht durch ein Vergrößerungsglas abgeschlossenes Stahlrohr. Der Apfel im Plug wird dort einfach der Zeit ausgesetzt. Damit implantiere ich auch meine DNS, bin also - vielleicht mich selbst stellvertretend - gewissermaßen permanent anwesend. Vielleicht ist das auch eine Pseudo-Reliquie.
Die Konnotation am Ort der Kirche führt naheliegend zu Adam, dem Apfel und dem so überlieferten Entstehen des Bewusstseins seiner selbst - also zur ganzen Menschheitsgeschichte nach christlicher Tradition. Über das Konzept und die DNS bist persönlich beteiligt.
Natürlich. Und an das Schuldthema wird hier auch gerührt.
Mit Adams Biss in den Apfel hat er die Regeln eines bis dahin bestehenden Systems gebrochen, Eva und er werden verwiesen und müssen sich aus eigener Kraft in neuer Umgebung behaupten: neue Regeln aufstellen und berücksichtigen, für den Fortbestand der Menschheit sorgen, arbeiten, sterben. Hinsichtlich der Passion darf man aber neben dem Leiden auch ein bisschen Freude haben. - Adam und Eva tragen allerdings die Schuld an der Misere.
Und da liegt aus meinem philosophischen Verständnis der fundamentale Irrtum. Es gibt ja Philosophien, die den Schuldaspekt nicht brauchen und die davon ausgehen, dass alles richtig ist ab dem Moment, an dem du die Dinge erkennst.
Schuld ist ein strategisches Mittel, das die Schuldigen an das System [der Kirche] bindet, weil sie nur dort und durch das System von ihrer Schuld befreit werden können.
Nach meinem Verständnis lautet die Urbotschaft der Kirche allerdings: Behandle deinen Nächsten gut, damit es auch dir gut geht. Das entspricht einer Gleichwertigkeit, die in Wirklichkeit nicht praktiziert wird. Mich interessieren religiöse und philosophische Überlegungen, die offenbar auch in den Naturwissenschaften zu ähnlichen Erkenntnissen führen. Nach der konstruktivistischen Erkenntnistheorie denken wir gewissermaßen Wirklichkeit, kreieren sie also. Wir sind damit sehr wohl in einer Schöpferposition, die man sich vielleicht als eine Art interaktive Holografie vorstellen kann. Die Disziplinen vermischen sich hier anscheinend, wobei es grundsätzlich um das Begreifen von Umständen geht. In der Entwicklung seiner Relativitätstheorie sagte Einstein einmal, er sei zwar tief in Materie eingedrungen, könne aber noch keine Ergebnisse prognostizieren. Er sei aber davon überzeugt, dass die Erkenntnis letztlich simpel sein werde und beeindruckend in ihrer schlichten Schönheit. Höchstwahrscheinlich, sagte er, wird der Baustein, um den es geht, die Liebe sein.
Anton Zeilinger hat vor einiger Zeit über die Probleme der Quantenbeobachtung gesprochen, vor allem davon, dass nicht definiert werden kann, ob es sich um mehrere Ansichten desselben oder verschiedener, miteinander korrespondierender Teilchen handelt. Die ausstehende Erkenntnis, sagt der Naturwissenschafter Zeilinger, könnte an die Verifizierung eines göttlichen Prinzips reichen. Solange wir es nicht beschreiben können, besteht immerhin eine Wahrscheinlichkeit.
So ist es. Der Begriff „höhere Macht" ist etwas, das über den Missbrauch belegt wurde. Es gibt ja keinerlei Hinweis, dass das auf einer menschlich gedachten Ebene passiert mit eben Begriffen wie „Macht", „höher" und den damit verbundenen Wertigkeiten.
Das sind Hilfsmittel oder Camouflagen für etwas, das man nicht erklären kann.
Aber gerade die machen das Problem ja nicht mehr auslesbar und so unsympathisch. Bei jungen Leuten etwa besteht ja kaum ein Interesse an dem ganzen Gebäude von „Schuld" und sich schlecht fühlen. Die Sehnsucht nach Information allerdings bleibt aufrecht. Das ist offenbar ein menschliches Grundbedürfnis, die Suche, aber man begibt sich heute lieber in einen asiatischen Kontext, weil der aus unserer Sicht nicht so besetzt ist. Dagegen ist das spirituelle Wissen unserer Kultur von Organisationen besetzt, die den Zugang verhindern - zur Mystik etwa.
Es scheint, als stünde dahinter eine Strategie der Systemerhaltung. Die mittelalterlichen Mystiker waren ja verpönt. Wer Gott aus sich selbst findet, bedarf der Institution Kirche nicht, die damit obsolet wäre. So steht die Kirche den Mystikern zumindest ambivalent gegenüber, auch wenn viele heilig gesprochen wurden, damit aber wieder im System integriert wurden.
Ja. Der lebende Mystiker wird geächtet, wie es immer der Fall war. In der Selbstbeobachtung fällt mir dagegen auf, dass es mich sehr stresst, wenn ich glaube, mein Umfeld ständig kontrollieren und organisieren zu wollen. Am Beispiel meiner Arbeit für AVL, die Climate Control Machine [2005/ AVL; Graz], kann ich, die CCM als Sonde verstanden, verschiedenste Ebenen betrachten: Das Ding steht so für unsere Vorstellung eines Staats- oder Gesellschaftssystems. Die Amerikaner beispielsweise sagen, wir fahren unsere Industrie auf Vollgas und falls es ein Umweltproblem geben sollte vertrauen wir darauf, dass wir einen Reparaturmechanismus einführen können. Der allerdings kompensiert in Totalbetrachtung nur das zuvor aufgetretene Problem und kompliziert dagegen das zu beobachtende System.
Die CCM ist ja keine wirklich autarke Maschine. Es muss weitere Energie zugeführt werden, damit sich auf den dargestellten Kontinenten Eis bildet.
Natürlich muss man da noch weiter denken. Allein durch die Herstellung der Solarzellen, und es kommen noch weitere Faktoren hinzu, ist die Energiebilanz des Objektes nicht ausgeglichen. Mit dem Objekt am Standort der AVL zeige ich aber mein Nachdenken über Probleme des Energiehaushaltes, der in Erfassung des umgebenden Systems schließlich doch ausgeglichen ist.
Die Akademie Graz hat vor einiger Zeit eine Podiumsdiskussion veranstaltet, in der Jens Jessen, Feuilletonchef Die Zeit, seine Meinung geäußert hat, Kunst wäre nicht diskursfähig gegenüber anderen Systemen wie Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. Das entspricht nicht meiner Meinung. Glaubst du, dass durch Kunstwerke wie die CCM irgendeine Form von Bewusstein gegenüber Umweltproblemen hergestellt werden kann? Die Frage ist natürlich eine rhetorische, indem auch nur jemand über die Arbeit redet, schreibt etc., muss er ja den Umweltkontext inkludieren.
Es gibt da natürlich ganz viele Ebenen von Zusammenhängen. Ich kann ja hier auch nur von meiner Sicht der Dinge reden. Die Kunst, als Spielkind der Materie, lässt sich schon zahnlos machen in dem Moment, in dem der Protest dem künstlerischen Kalkül entspringt. Dann findet die Kunst wieder in einem geschlossenen System statt, das für mich äußerst langweilig ist. Ich will lieber ehrliche Intensität, ausgehend von ehrlicher Intention, erleben. Nachdem ich nie in klassischen Ausbildungsinstitutionen war, um Künstler zu werden , mich aber für verschiedenste, vor allem naturwissenschaftliche Disziplinen interessiert habe, glaube ich schon - und ich beobachte ein Vielzahl spannender Interventionen anderer Künstlerinnen und Künstler -, die Indizien dafür sind, dass sich etliche Leute unter gegenwärtigen Bedingungen nicht sehr wohl fühlen und Kunst eine Reaktion auf diese Befindlichkeit ist. Die Frage ist allein, wie gut ist das Mittel, das Kunstwerk, das mit solchen Reaktionen in Zusammenhang steht. Wir befinden uns ständig in der Situation des Bewertens der Äußerungen anderer, ständig zeigen wir und weißen auf etwas hin. Gleichzeitig hat dieses Hinweisen wiederum kaum konstruktive Kraft. Vor allem destruktive Interventionen können, glaube ich, nie etwas Positives bewirken. Angesichts von smarten Aktionen aber ist es mir eigentlich nicht so wichtig, ob sie große Auswirkungen zur Folge haben. - Aber wir sollten die Kunst mit ihren Multiplikationsmöglichkeiten über Medien nicht unterschätzen. Über Geld dagegen, ist die Kunst in weiten Bereichen zahnlos gemacht worden. Wenn ich auf irgendeinem Berg eine Information setze, empfinde ich das als hochgradig befriedigend, obwohl ich nicht der Meinung bin, dass dadurch weiter reichende Wirkung, als wie immer geartete Veränderung erzielt wird. - Und das soll es auch nicht.
Nehmen wir an, du setzt auf einem Berg nah dem Gipfelkreuz einen Earth Plug. Vor einigen Jahren unternahm ein Wiener Künstler große Anstrengungen um sein Konzept, die Spitze des Großglockners mit Blattgold zu verkleiden, durchzusetzen. Es blieb bei der Idee, die allerdings medial großräumig publiziert wurde. Aus meiner Sicht kommt solches Vorhaben dem Spektakel gleich, während ein Earth Plug einen weit subtileren Eingriff darstellte. Das Spektakel oder der Event bedient, meist zum Zweck ökonomischen Gewinns, möglichst große Zielgruppen, deren Individuen glauben, sich das Vorgesetzte ohnehin gewünscht zu haben. Den Earth Plug müsste man erst einmal entdecken und die folgende Auseinandersetzung bliebe der Entdeckerin / dem Entdecker überlassen.
Genau. Mir geht es darum, ganz zarte Informationen zu hinterlassen, die nicht solitär in einem Raum oder System stehen, sondern verbindenden Charakter haben.
Verbindend wirkt deiner Ansicht nach das „Kunst schenken", wie du es im Wiener Museumsquartier mit einem Earth Plug versucht hast?
Ja. Es besteht aber ein Unterschied zwischen meinen Arbeiten und der Street Art, in der oft bewusst Schaden verursacht wird um zu provozieren. Aus meiner Erfahrung interessiert mich aber die Provokation bei dieser Art nicht mehr, weil ich festgestellt habe, dass jeder Druck, Gegendruck erzeugt.
Es ist also aus deiner Sicht keine Provokation, was du mit nicht angekündigten und nicht genehmigten Aktionen bewirkst. Ich dagegen glaube, dass hier ein Regelkonflikt besteht, wenn deine eigenen Vorgangsweisen sich nicht mit Regeln im öffentlichen Raum vereinbaren lassen, wenn etwa im Wiener Museumsquartier nicht jeder Künstler nach eigenem Ermessen physische Eingriffe vornehmen kann.
Das war wahrscheinlich schon eine der kritischsten Situationen oder eine sehr spezielle Situation. Ich wollte dort ganz bewusst auf den Umstand hinweisen, dass eine Art Flagship-Institution für Kultur es sich leistet, eine enorme Paranoia gegenüber medial nicht vermittelten Aktionen zu pflegen. Der Direktor des MuQua wurde davon unterrichtet, dass gerade ein Metallrohr im Hofbereich eingesetzt wird, worauf er dachte, dass es sich um einen Angriff handelt. Indem man weltweit ständig medial auf diverse Bedrohungen aufmerksam gemacht wird, entwickelt sich etwas wie eine allgemeine Psychose, nach der man sofort überreagiert.
Hast du versucht, eine offizielle Genehmigung für den Einbau des Earth Plug zu bekommen?
Ich war zu dieser Zeit ja an einer Ausstellung im MuQua beteiligt . Den Direktor von dieser Aktion zu unterrichten beziehungsweise um Genehmigung zu bitten wäre aber in diesem Fall nicht interessant gewesen. Du musst dir vorstellen, dass die Plugs im öffentlichen Raum nur als bündig mit der Oberfläche gesetzte Glaslinse von zehn Zentimetern Durchmesser zu sehen sind. Durch die Linse sieht man verschiedene Inhalte in einem kurzen Stahlrohr. Im MuQua wäre es eine Figur mit Text gewesen, nämlich „Slow down", was ich nicht als aggressiven Inhalt bezeichnen würde.
Nochmals zum Konflikt: Der Direktor befürchtet einen Anschlag auf das MuQua und missversteht die Situation, die in Wirklichkeit eine künstlerische ist. Seine Auffassung von Veröffentlichung der Kunst bedingt ein bestimmtes Prozedere der Voransicht und Auswahl. Dem steht deine selbstbestimmte Handlung, die angesichts fehlender Kommunikation nicht gleich als Kunst erkannt wird, gegenüber. So fand diese Aktion nicht in deinem Sinn statt.
Wir wollten jedenfalls eine Foto-Dokumentation der Bohraktion für den Earth Plug in der besagten Ausstellung zeigen, interessant zumindest war, dass die Fotos noch in der Eröffnungsnacht aus der Ausstellung verschwanden und seither nicht mehr aufgetaucht sind. Ich habe mir inzwischen aber eine Bohrausrüstung zugelegt, mit der ich - auch unabhängig von Energieversorgungsnetzen - jederzeit und überall arbeiten kann. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, einen Earth Plug an einem heißen Ort zu setzen, in dem durch die Linse und speziellen Hintergrund einmal täglich Wasser zum Kochen gebracht wird. Oder ein Plug könnte auch in einem Eisberg eingebaut sein und von dort, wo er aus dem Eis schmilzt, ein Signal senden. Ich habe gerade das Skelett einer Maus bekommen, das könnte etwa mit einem Plug in die Murböschung gesetzt werden und wahrscheinlich würde es dort über lange Zeit niemand finden. Allerdings wird mir inzwischen auch bewusst, dass ich bei solchen Arbeiten eine absolut stimmige Überzeugung haben muss, um meine Haltung gegenüber Gegnern und Kritikern vertreten zu können und das bringt schon eine psychische Belastung mit sich, mit der ich zurande kommen muss. Ich stelle auch fest, dass vergleichsweise minimale Interventionen im öffentlichen Raum, wie sie für mich die Earth Plugs darstellen, sich natürlich in einem Grenzbereich von individueller Entscheidung und kommunalen Verordnungen abspielen.
Vergleicht man deine Interventionen mit den Pappfiguren eines anonymen Künstlers, die immer wieder im Stadtraum zu finden sind, so sind die Earth Plugs deutlich massivere Eingriffe ...
Ja freilich, aber ich suche Orte, an denen aus meiner Sicht nichts gravierend beschädigt wird. Ich bohre zum Beispiel in kein Tragwerk einer Brücke.
Durch die kontinuierliche Verteilung der Earth Plugs an öffentlichen Orten errichtest du ein Markierungssystem, das immer wieder auf dich verweist. Das ist auch eine Art von Machtdemonstration.
Zuerst wollte ich die Plugs ja völlig anonym verteilen. Das lässt sich mit der Zeit aber nicht aufrechterhalten. Durch meine Kontakte mit der Street Art-Szene, zu der ständige Flucht und Verfolgung gehören, habe ich mich für einen anderen Weg entschieden, nämlich mögliche Konsequenzen zu tragen. [ILA zeigt mir einen zum Einbau vorbereiteten Plug] Hier ist ein mit Sand gefüllter Plug , darauf winzige Kamelfiguren mit Palme, die an eine Karawane erinnern. Den setze ich am Eggenberger Gürtel im Bereich des Arbeiterstrichs. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass so etwas als aggressive Handlung oder aggressives Objekt empfunden wird.
Wenn man Objekte und Installationen wie Call Wood (2003/04) oder CCM Climate Control Machine (AVL, 2005) betrachtet, könnte man an naturwissenschaftliche Grundlagenforschung denken.
Call Wood liegt ein ganz schlichter Gedanke zugrunde. Als Rezipient ist man aber wohl mit der Frage beschäftigt, ob es nicht eigentlich ein Irrsinn ist, den Wald anzurufen. Was aber zunächst als verrückte Idee erscheinen mag, wird zumeist in wenigen Jahren auf verschiedene Art außerhalb des Kunstkontextes realisiert. Kunst wird auf solche Weise bald von der Wirklichkeit eingeholt . Climate Control Machine ist gewissermaßen ein völliger Blödsinn und war für mich ein wildes Experiment. Technisch stellt CCM ein nicht lösbares Paradoxon dar. Als Kunstwerk für ein Unternehmen, das auch damit beschäftigt ist, Schadstoffemissionen von Verbrennungsmotoren zu minimieren, wird die Ausführung aber akzeptiert. Über den Titel Kunst ist das möglich und dann ist es ist interessant zu beobachten, welche Reaktionen CCM auslöst. Bei Call Wood habe ich nicht zuletzt aufgrund des medialen Interesses das Gefühl, dass es etwas tut. Für mich ist es sehr reizvoll, einen Nerv in der Gesellschaft zu treffen, wenn der elitäre Charakter des Kunstwerks aufgehoben erscheint, weil sich Rezipienten damit auseinandersetzen, die nicht in erster Linie einer kunstinteressierten Zielgruppe angehören. Alles, was sich über Menge definiert, nennen wir ja im allgemeinen nicht Kunst. Ich halte jedenfalls ein geschlossenes Kunstsystem für langweilig, wenn es nur darum geht, bei der nächsten Show vor einem Fachpublikum zu reüssieren.
Kunst entsteht aber auch durch Strategien auf dem Kunstmarkt und das bedeutet umgekehrt, was sich auf dem Markt bewährt, geht in vielen Fällen in die Kunstgeschichte ein.
Ich habe beispielsweise an meinem Begriff von Skulptur beobachtet - und ich mache mir keine großen Gedanken, wie weit mein Begriff sich mit einem in Fachkreisen kursierenden, sofern es den gibt, vereinbaren lässt -, dass es eigentlich niemanden interessiert, ob mit der Skulptur eine Funktion verbunden ist, die über den spezifischen Bereich Kunst hinausreicht. Indem man nämlich eine Handlung setzt, die sich als Skulptur über den medialen Raum ausbreitet und so etwa in eine breite Diskussion führt. Das ist für sehr viele Leute nicht von Interesse. Deshalb habe ich das Gefühl, ähnlich wie wir vorher über Religionen gesprochen haben, will man die Kunst in gewissen Tempeln halten und sie vielleicht sogar zurückdrängen in eine Arglosigkeit der Ästhetizismen. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Gelitin zum Beispiel arbeiten ohne Pathos und mit einem Witz, der einfach rocked. Ich glaube, dass die Künstlerin oder der Künstler gegenwärtig und in Zukunft ein Mischgebilde sein muss, das über alle Fähigkeiten der Betrachtung von Welt verfügen muss um in unterschiedlichsten Äußerungen auf ihre oder seine Beobachtungen reagieren zu können - und das ist nicht in erster Linie eine formale Frage.
Welche Rolle spielt unter diesem Aspekt deine Malerei?
Malerei ist für mich nur ein Mittel unter vielen, Inhalte zu transportieren. Wenn sich das mit Malerei bewerkstelligen lässt, dann male ich. Ich versuche mich von einem formalen Zwang, betreffend Urteile als gute und schlechte Malerei, zu befreien, den wahrscheinlich nicht nur ich seit der Kindheit verspüre. Wenn man sich mit einem historisch so besetzten Medium wie der Malerei beschäftigt, ist man besonders anfällig dafür, sich auf Bewertungskriterien einzulassen, die auch handwerkliche Fähigkeiten betreffen. Ich habe schon einmal zusammen mit Constantin Luser eine gute Phase erlebt, in der wir Musik gemacht haben, völlig frei vom Druck, in irgendeiner Weise perfekt sein zu wollen. Es ist uns damals gelungen, Freude zu erleben, wenn jemand singt. Singen ist ein mächtiges Mittel, das direkt Emotionen bewirkt. Wenn annähernd derselbe Effekt durch Malen bei mir selbst ausgelöst wird, dann ist das stimmig. Ich habe aber äußerst selten ein ähnliches Gefühl von Zufriedenheit durch Malerei oder mit einem Bild, wie ich es durch die Entwicklung eines komplexen Systems als Intervention, Installation oder Skulptur erfahre.
Vielleicht liegt das auch daran, dass in einem durch verschiedene Technologien medial entwickelten Umfeld das Diskurs- oder Kommunikationspotential des gemalten Bildes gegenüber anderen und synthetisierten Medien gemindert erscheint. Es stammt einfach aus einer anderen Zeit.
Genau. Ich habe zum Beispiel mit Hallo alte Buche [2003] einer 250 Jahre alten Buche einen kleinen LCD-Bildschirm gegenüber gestellt, implantiert einem anderen Baum, auf dem ORF-Nachrichten zu sehen waren. Nachts hat dieses für uns alltägliche Ding von LCD-Bildschirm eine kugelige Lichtskulptur erzeugt, die diese Strukturen aus wechselnden Blautönen in den Wald gespielt hat. Es war ein verdammter Aufwand: Ein Tischler war über zwei Tage damit beschäftigt, den Bildschirm in einen - übrigens toten - Baum einzusetzen. Und das Ding war dann auch nur am Ort zu erleben, war im Prinzip nicht zu fotografieren. Bei der Eröffnung hat der Monitor einen Schwarm von Glühwürmchen angezogen.
Gibt es eine über einzelne Arbeiten hinausreichende Strategie, nach der du vorgehst?
Ich habe jedenfalls aufgehört, bevor ich etwas in Angriff nehme, darüber nachzudenken, in welcher Weise ein neues Konzept für mich sinnvoll erscheint. Ich brauche neben dem geistigen Entwicklungsprozess auch eine adäquate Menge physischer Umsetzungen. Die materielle Umsetzung in zunehmend größerem Ausmaß ist mir wichtig.
www.ila.at
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ILA
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Rebound, 2005, Entgegnung nach politischer Vereinnahmung
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Slow Down, 2006, Earth Plug
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Artikel zu Call Wood im Langenscheidt-Magazin
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CCM Climate Control Machine, 2005, AVL Graz
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CCM Climate Control Machine, Detail
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Hallo alte Buche, 2005, Installation
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