Ich arbeite zur Zeit an einem Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Neun Stunden". Die Kerngeschichte geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die sich vor etwa zehn Jahren in einem burgenländischen Dorf zugetragen hat:
Ein junger Mann, im Ort als asozialer Alkoholiker und Drogensüchtiger bekannt, brach mitten auf der Dorfstraße zusammen und rang über Stunden, unbeachtet von den Dörflern, mit dem Tod, weil jeder dachte, der Säufer wolle bloß seinen Rausch ausschlafen.
Der Roman beginnt mit dem Eintreffen des Journalisten Arnold Pollok während einer extremen Hitzewelle in diesem Dorf. Er möchte mehr über das beinahe mittelalterlich-öffentliche Sterben des jungen Mannes, eines gebürtigen Deutschen, erfahren. Doch bald wird ihm klar, daß jeder Befragte nur seine Wahrheit erzählt und sich die einander widersprechenden Berichte objektiv nie auflösen lassen. Zudem begegnet er der geheimnisvollen Frau Nazreen, einer gebürtigen libanesischen Drusin, deren Leben sich bald untrennbar mit seinem verwebt.
Auf der zweiten Erzählebene erinnert sich der junge Mann während der neun Stunden seines elenden Sterbens an sein Leben, angefangen vom allgäuischen Kinderheim, in das ihn die Mutter abgeschoben hat, bis zu seiner Tochter Chiara, die erst kürzlich und gegen den Willen der Eltern der Mutter auf die Welt gekommen ist. Dabei wird auch die Zeit seines Erwachsenwerdens in bezug zu den ‚wichtigen' Ereignissen der jeweiligen Jahre gesetzt. Angefangen von seinem bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten Vater, einem RAF Sympathisanten, bis hin zur Mutter, die sich der Bhagwhan-Sekte angeschlossen hat, und den großbürgerlichen Großeltern mit der Villa in Karlsruhe, in der er die Volksschulzeit verbracht hat. In diese keineswegs chronologisch geordneten Erinnerungen mischen sich teils angenehme, großteils aber albtraumartige Bilder und Visionen, welche die Drogen in ihm hervorrufen. Doch je näher er dem Tod kommt, um so klarer werden die Erinnerungen, um so deutlicher das Wissen um seinen tatsächlichen Zustand. Der Sterbende erkennt immer unerbittlicher, dass er es nie schaffen wird, aufzustehen und die hundert Schritte zum Haus seiner Großmutter zu gehen, die ihm das Leben retten würde - hundert Schritte, und jeder einzelne zuviel.
Wilfried Ohms wurde 1960 in Graz geboren und studierte in Wien Orientalistik und Philosophie. Danach arbeitete er als Journalist und Korrespondent für verschiedene ausländische Zeitungen. Seit 1998 ist er freier Schriftsteller in Wien, wo er heute nach zahlreichen Auslandsaufenthalten wieder lebt.
Von Wilfried Ohms sind bisher folgende Werke erschienen:
Der Brückenwärter, Roman, Edition Atelier 1993, Wien
Kaltenberg. Ein Abstieg, Roman, C.H. Beck 1999, München
Abschied vom Spiegelbild, Erzählung, C.H. Beck 2000, München
Kaltenberg. Ein Abstieg. Romanauszug. In: Die Deutsche Literatur seit 1945, Hg. Heinz Ludwig Arnold, Bd. 11, Flatterzungen, S. 294 - 299, dtv 2000 München
Der Sumpf. Erzählung. In: Kleine Fibel des Alltags. Ein österreichisches Lesebuch. Hg. Jochen Jung, Jung und Jung Verlag, 2002, Salzburg, S. 111 - 113
Chimären, Roman, Leykam 2007, Graz.
Wilfried Ohms' Theaterstück „Mononoke" wurde von Professor Lee Saang Woo ins Koreanische übersetzt und 2002 in Seoul uraufgeführt. Die bereits weit gediehenen Vorarbeiten zur Verfilmung von „Kaltenberg. Ein Abstieg" durch Georg Staudacher wurden im Sommer 2007 durch den tragischen Tod des Regisseurs unterbrochen.
|

|


|
Wilfried Ohms
|

|