Die Jazzstadt Graz hat eine multikulturell befruchtete Szene und ein renovierungsbedürftiges didaktisches Rückgrat.
„Wir sind ein sehr kleines Land, und wir sind im Sport völlig bedeutungslos", hält Intendant Oliver Belopeta trocken fest. „Also setzt unsere Regierung eben auf Kultur. Da haben wir eine lange Tradition und große, vielfältige Ressourcen". Eine einfache aber dennoch irgendwie überraschende Antwort auf meine Frage, warum das Internationale Jazzfestival in Skopje so hoch subventioniert sei. Immerhin treten in der Universal Halle der mazedonischen Hauptstadt Topstars der internationalen Jazzszene wie etwa Ornette Coleman auf, die man auf Grund der überaus hohen Gagen bei viel größeren renommierten europäischen Festivals meist vergeblich sucht. Und auch sonst ist man in der südlichen Balkanrepublik dabei, die reichhaltige Kultur des Landes abzusichern und nach außen zu tragen.
Weil wir gerade in Mazedonien waren. Was macht also ein Land gemessen an seiner Größe in der Kultur bedeutungsvoller als ein anderes? Und wann gibt es Hinweise auf konkrete kulturelle Impulse, die im internationalen Kontext von Bedeutung oder gar richtungsweisend sind?
Nun wollen wir nicht unsportlich sein und dem Sport die gewisse Bedeutung für ein Land in Abrede stellen. Jedenfalls gibt es Länder, die wir überhaupt nur von ihrer Kultur her kennen. Indien etwa, ein Land, dessen Einwohnerzahl sich rasant der Milliarde nähert und dessen opulente Kultur in allen Bereichen geradezu singuläre Tragweite hat, ist sportlich seit jeher ein weißer Fleck. Ein sehr riesiger weißer Fleck, versteht sich. Indes mir ein Schüppel indischer Musiker, die ich vor einem Jahr zu Gast hatte, im Gegenzug gleich zwei österreichische Sportler nennen konnte. Mozart freilich auch kannten, ihn aber den Deutschen zusprachen.
Prinzipiell gibt es einen kausalen Zusammenhang von Sport und der Höhe des Bruttonationalproduktes eines Landes. Dieser wiederum steht diametral zu Tradition und Kulturbewußtsein in ärmeren Ländern oder solchen der sogenannten Dritten Welt.
Mazedonien etwa hat nur doppelt so viele Einwohner wie die Steiermark und etwa die Fläche des Erscheinungsgebietes der Kleinen Zeitung. Mazedonien reüssiert international mit seiner Kultur, die Steiermark mit Sport und Schwarzenegger. Fallweise mit Nikolaus Harnoncourt, sofern dieser geografisch richtig zugeordnet wird. Es gibt eine mazedonische Kultur im Allgemeinen, aber keine steirische.
Es gibt aber in Graz zweifelsfrei Schulen, wie etwa die der Architektur, oder Foren, wie etwa das der Literatut, die die Murmetropole zumindest in der Fachwelt bekannt machten. Und den Jazz, von dem auch der Straßenbahnführer weiß, daß er irgendwo in der Moserhofgasse zu Hause ist. Amtlich wenigstens.
Die Hauptstadt Skopje selbst ist trotz ihres traditionellen und auch hochkarätigen Festivals im Jazz international bedeutungslos. Allein weil sie keine Jazzszene dahinter hat.
Ganz im Gegensatz zum etwa halb so großen Graz also, das seine - auch internationale - Bedeutung als Jazzstadt einzig der Tatsache zu verdanken hat, daß sich hier das älteste Jazzinstitut Europas befindet. Man kann es drehen und wenden wie man will, namhafte steirische Jazzmusiker auflisten, Jazzclubs sonder Zahl und private Initiativen ins Treffen führen oder vielleicht sogar die frühen, unbestrittenen Verdienste eines Erich Kleinschuster mit seinen Radiosendungen bemühen, an der Bedeutung dieser Einrichtung, die weiland auf einer Initiative des Trompeters und späteren Landesmusikschuldirektors Fritz Körner begründet war, führt kein Weg vorbei. Wie es letztlich ja immer Akademien oder bohemienhafte künstlerische Zirkel waren, die auch den kleinsten Ort zum Ursprung einer Bewegung machen konnten, zur Assoziation mit einer Stilrichtung oder künstlerischen Revolution führten oder ihn zum Begriff einer richtungsweisenden Schule erhoben haben.
Für die Einrichtung eines eigenen Instituts für Jazz war damals freilich noch die Eigeninitiative einiger weniger unentwegter Jazzfans notwendig, wie sie auch bei allen mittlerweile längst etablierten internationalen Festivals im Hintergrund standen. Heute scheint die Installierung von Jazzabteilungen an Hochschulen und Konservatorien geradezu zum obligaten Repertoire des Ausbildungsangebotes zu gehören.
Der Überlieferung nach hat es in Graz Jazzclubs schon vor der Inbetriebnahme der akademischen Jazzstudien gegeben. Daß jedoch eine Institution, die als die älteste Jazzausbildungsstätte Europas auf Hochschulniveau gilt, eine Szene evoziert, sie über all die Jahre entwickelt und mit ihr das Publikum der Stadt miterzieht, liegt nahe. Zumal dann, wenn der Beginn solcher Aktivitäten in eine Zeit fällt, wo der Jazz auch mit der allgemeinen Aufbruchsstimmung einher ging und die junge Generation begeisterte. Diese Generation von damals ist es heute auch, die den Kern der Szene in dieser Stadt sichert und das Grazer Publikum nachweislich als das kritischste in ganz Österreich auszeichnet. So wahr ich das als jahrzehntelanger und vielgereister Musikjournalist mit Fug und Recht und in bester Gesellschaft mit bekannten Jazzern behaupten kann.
Die späte Installierung der Jazzabteilung am Bruckner-Konservatorium in Linz etwa beweist, daß man eine lebendige Jazzszene heute nicht einfach erfinden kann. So ist in der Kulturhauptstadt des Jahres 2009 eine solche in diesem Sinne einfach nicht vorhanden.
Dennoch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Aufwertung der ehemaligen Akademie für Musik und Darstellende Kunst (gegründet 1963) zur Hochschule (1970) und später mit dem Kunstorganisationsgesetz von 1998 zur Universität nicht zwingend auch das Ansehen und die Bedeutung ihrer seit 1965 bestehenden Jazzabteilung steigerten. Zu viele europäische Städte haben in all den Jahren nachgezogen und selbst Jazzabteilungen an ihren Konservatorien, Hochschulen und Universitäten gegründet. Wobei es aber nicht unbedingt die Anzahl all dieser Einrichtungen ist, die als Konkurrenz zu Graz betrachtet werden könnten, sondern vielmehr deren an die neuen Anforderungen der Zeit angepaßte Aufnahme neuer - jazzverwandter - Musikfächer (Pop, Rock, Blues etc.) und Technologien sowie die Entsprechung des Curriculums an die Anforderungen an ein längst verändertes Musikzeitalter mit seinem modernen Musikbusiness und Management.
Karlheinz Miklin, dem langjährigen Leiter (1983 - 2000) der Grazer Jazzabteilung ist es immerhin zu verdanken, daß durch die Bestellung internationaler Jazzstars als Gastdozenten bzw. die Einladung solcher zu sogenannten Clinics sowie die Installierung der Konzertreihe Graz Meeting dem allzu akademischen Anruch und der stilistischen Betriebsblindheit entgegengewirkt und die Ausbildung weltoffener und praxisorientierter wurde.
Trotz der schreienden Notwendigkeit einer Reformierung des Curriculums in Richtung der neuen musikalischen Entwicklungen und der Erfordernisse einer Selbstorganisation der Jazzmusiker im globalen Kontext ist die Bedeutung des mittlerweile über vierzig Jahre bestehenden Instituts als didaktisches Rückgrat der regionalen und überregionalen Jazzszene ungebrochen. Zumal die unzähligen jungen Musiker aus den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken und des verwichenen Ostblocks das Haus in der Moserhofgasse (Institut für Jazz an der KUG) immer noch als das „Berklee Europas" betrachten und in zahlreichen Bands und Ensembles für wesentliche - nicht zuletzt auch ethnisch-musikalische - Impulse in der ohnehin vielfältigen steirischen Clubszene sorgen.
Graz ist so in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zu einem multikulturellen musikalischen Zentrum geworden, ein kleiner „melting pot", dessen Impetus einer bis dahin vor sich hinwurstelnden Szene nur gut tun konnte. Und der sich sogar auf das Geschehen in den Straßen ausgewirkt hat.
Zahlreiche Musiker und Jazz-Ensembles haben sich in Verbindung mit ihren jeweiligen ethnischen Wurzeln von Graz aus einen Namen in Österreich gemacht. Manche wie etwa das Sandy Lopicic Orchestar haben sogar den Sprung nach Deutschland geschafft.
Unter diesem Aspekt ist heute auch die Bedeutung der ganzen Steiermark für den Jazz zu sehen. Auch im internationalen Kontext wird Graz mit seinem Jazz-Department (so die internationale Bezeichnung) und seinen mehr oder weniger prominenten Professoren und Gastdozenten in Verbindung gebracht. So ist es auch kein Zufall, daß der auch als renommierter Saxophonist und Bandleader bekannte ehemalige Abteilungsleiter Karlheinz Miklin zum Präsidenten der International Accociation of Schools of Jazz gewählt wurde. Als Mitgliedsvertreter der IASJ hat Miklin im Jahr 1993 auch den internationalen Weltkongreß dieser Vereinigung der weltweit wichtigsten Jazz-Ausbildungsstätten nach Graz geholt.
Auch die unzähligen, mittlerweile prominenten Absolventen der Jazzabteilung an der Grazer Universität für Musik und darstellende Kunst - so die korrekte Bezeichnung der ältesten Jazzausbildungsstätte auf Hochschulniveau - haben den Ruf der Jazzstadt Graz in die Welt hinaus getragen.
Zwischen der allgemeinen Auffassung und der tatsächlichen Bedeutung von Graz als Jazzstadt in der Fachwelt klafft jedoch ein großer Graben. Am meisten, so scheint es, in der Stadt und im Land selbst. Wie sonst ist es wohl zu erklären, daß etwa im bekannten Internet-Lexikon Wikipedia in der Sparte „Musik in Graz" allein die jungen, gerademal national bekannten Popgruppen Shiver und Rising Girl als Aushängeschilder und als einziges Festival seiner Art der Jazzsommer Graz mit seinem austauschbaren Allerweltsprogramm erwähnt werden?
Regional wird Graz als Jazzstadt mit seinem ganzjährigen dichten wie international hochkarätigen Konzertangebot in den überproportional vielen Clubs und Etablissements (vergleiche: Linz mit gerademal einem Hobbyjazzclub), vier einschlägigen Festivals und den prominenten Workshop-Leitern an der Jazzabteilung kaum erkannt und ist medienmäßig maßlos unterrepräsentiert.
Eher heimliche Nutznießer der Vormachtstellung von Graz als Jazzstadt sind dafür einige Veranstalter in den angrenzenden Bundesländern und in Slowenien. Viele internationale Musiker wären dort für einen Auftritt nicht finanzierbar, wenn sie nicht schon in Graz ein Konzert hätten. Die Bundeshauptstadt Wien selbst wiederum profitiert von den leider viel zu vielen Musikern, die nach einigen Jahren ob den Verlockungen des größeren Job-Angebots, der mächtigeren Medien und der direkten Kontaktmöglichkeiten leider von Graz nach Wien abwandern. Vor allem im tragenden Mittelbau der Grazer Jazz-Community, jenem Bereich zwischen arrivierten Professoren und eingesessenen älteren Musikern auf der einen sowie den jungen, spielwütigen Studenten auf der anderen Seite ist der Aderlaß am bedauernswertesten. Viele von ihnen haben ihren Hauptwohnsitz mittlerweile in Wien aufgeschlagen und kommen bestensfalls gerade für einige Lehrstunden oder Konzerte nach Graz.
Für die jungen Musiker des Balkans und der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken ist die in ihrer Heimat überaus geschätzte Jazz-Uni in Graz die heiß erkämpfte erste Anlaufstelle auf dem Weg zum professionellen Jazzmusiker. Zwar gab es Studenten aus diesen teilen Europas in geringerer Zahl schon seit jeher am Institut für Jazz, doch haben diese seit der Ostöffnung vor rund fünfzehn Jahren das musikalische Leben in Graz mehr als in allen anderen österreichischen Städten infiltriert und so für ein pluralistisches und multikulturell befruchtendes Klima in einer Szene gesorgt, die weit über die Grenzen Österreichs hinaus berüchtigt ist.
Umso schmerzhafter ist es immer wieder hinzunehmen, wenn gerade solche, denen schon eine Art ideologische Führungsrolle zugeschrieben wird - wie etwa dem Bassisten und Komponist Nenad Vasilic - nach Wien oder auch nach Deutschland weiterziehen.
International wird die Bedeutung von Graz als Jazzstadt sicher nicht geringer, daß Musiker wie etwa die gebürtigen Grazer Oskar Klein oder Dieter Glawischnig mit seiner Free Jazz-Gruppe „The Neighbours" sowie Karlheinz Miklin mit seinen Argentiniern im Ausland erfolgreich waren, jüngere Vertreter wie die Brüder Wolfgang und Christian Muthspiel oder der Gleisdorfer Alex Deutsch in New York ihre Karrieren starteten und heute national führende Vertreter sind. Die Bedeutung der Jazzstadt Graz steht und fällt allerdings einzig und allein mit der Offenheit ihrer traditionellen, europaweit bekannten Ausbildungstätte als didaktisches Rückgrat einer überverhältnismäßig großen und lebhaften Szene. Das unterscheidet Graz auch von vielen anderen - größeren - europäischen Städten, die zwar durch das eine oder andere international angesehene Festival weltweit bekannt sind, mit einer eigenen Szene, wie wir uns unlängst wieder einmal in Berlin überzeugen konnten, oft so ihre liebe Not haben.
Verschlafen kann man allerdings manches schneller, als einem lieb ist. Daß man an der Grazer Jazzabteilung so manche jahrzehntelangen akademischen Zwänge zugunsten kreativer Impulse von außen aufgeben und ein umfassendes Curriculum für eine buchstäblich Schule machende Jazzuniversität auf der Höhe der Zeit überlegen muß, um als wirklich maßgebliche Akademie für Jazz und Improvisierte Musik eine neue Bedeutung in Europa zu erlangen, ist auch so eine Sache. Das Ganze im globalen Kontext zu begreifen, ist dabei nirgendwo zwingender als im Jazz.
Otmar Klammer
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