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Kunst als Transporter im künstlichen Raum von Arnold Reinisch

von Wenzel Mracek

Ein mittels Software generiertes Bild zeigt den Künstler Arnold Reinisch wie er - zwar nackt, aber wie beschützt von einer seiner Kugeln aus der Serie roundgame - scheinbar durch die Weiten des Weltalls fliegt. Eine weitere dieser Kugeln, die in der Andeutung grenzenlosen Raumes an Meteoriten denken lassen, nähert oder entfernt sich im Hintergrund. Der etwas unsichere, wie fragend auf den Betrachter gerichtete Blick des Künstlers mag durchaus mit einem gewissen Selbstzweifel verbunden sein: „Wirst du mir dieses Bild noch glauben?"

In der Tat begibt sich Arnold Reinisch mit Konstruktion und Veröffentlichung solcher Sujets weit in den Bereich der Fiktion und vielleicht in assoziative Nähe einer Erzählung des Lügenbarons Münchhausen, der sich an eine abgefeuerte Kanonenkugel klammert, um auf ihr in eine belagerte Festung zu gelangen. Auf halbem Weg aber kommen ihm Zweifel am Erfolg seines Tuns und er schwingt sich im Flug auf eine vom Gegner abgeschossene Kugel, um schließlich wieder sicher hinter den eigenen Linien zu landen. Wohin der Flug von Arnold Reinisch dagegen führen wird, ist aus den vorliegenden Bildern der im Aufbau begriffenen Serie spacing noch nicht abzulesen. Jedenfalls aber befindet er sich auf einer Reise durch den Raum seiner Kunst und davon handeln weitere Bild(er)findungen, die vermitteln wollen, dass etliche Arbeiten der vergangenen Jahre mit ihrem Autor Reinisch durch dessen Kunst-Raum unterwegs sind.

Dem reisenden (oder rasenden?) Reinisch und den über die Bildvermittlung mitreisenden Beobachtern begegnen im besten Sinn autonome Plastiken, deren formale und inhaltliche Entwicklung einer sukzessiven Übertragung maßgeblicher Details vom früheren in ein nächstes Medium zugrunde liegen. In einer umfangreichen Serie von Tafelbildern erarbeitete Reinisch ein formales Basisrepertoire strukturierter Oberflächen, das er, neben anderen mehr, auf plastische Arbeiten überträgt. So entstand eine Reihe von halbkugelförmigen Objekten, deren Oberflächen an Sandstein erinnern, während die ebenen Schnittflächen jene Strukturmalerei tragen. Erwartungshaltungen von Symmetrie und Gegenpart unterläuft der Künstler aber auf ironische Weise, indem diese nur scheinbar geteilten Objekte bereits als Bessere Hälften, better halves, ausgewiesen sind und damit ein Ganzes darstellen. Beabsichtigt jedenfalls ist auch der Hinweis auf die im Titel anklingende, dem Jargon entliehene, Partnerbezeichnung. Die Kugelobjekte von roundgame dagegen handeln mit den ihren Äquator umspannenden Emblems von Entwicklungen eines frühen Transportmittels zur Egoprothese, von Markenfetischismus, vor allem aber von einem paradoxen Phänomen, das über Werbestrategien individuelle Auswahl und Freiheit unter der Bedingung verspricht, sich für ein bestimmtes Produkt entscheiden zu müssen.

Durch Reinischs Raumkonzept spacing fliegend begegnen uns weitere Objekte, deren Existenz und Wirklichkeit vielleicht unter dem Aspekt des Auslotens von Möglichkeiten im nicht näher definierten Bereich zwischen Erlaubtem und Absurdem zu lesen sind. Lewittiten verweisen in Form und Titel an die minimalen Kuben Sol Lewitts. Im appropriativen Akt eignet sich Reinisch das durch Lewitt als nicht weiter auszuführende Form definierte Prinzip an und erfindet Hybride aus geometrischem und scheinbar biomorphem Körper. Durch Aneignung, Kopie und Weiterführung des nun nicht mehr originalen Objekts legt sich Reinisch über das Experiment mit den Intentionen der Minimal Art an, dem Verzicht auf Illusion, Metaphorik und Symbolik, und behauptet so die Relevanz der übernommenen Form im eigenen Umfeld namens spacing. Reinisch suggeriert mit seinen Lewittiten einen natürlichen Wachstumsprozess.

Ob ein realer Körper formlos sein kann, lässt sich wahrscheinlich über längere Zeit diskutieren. Das im Kunst- und Architekturkontext häufig verwendete Adjektiv amorph jedenfalls suggeriert die Möglichkeit. Mit einem plastisch und fotografisch realisierten Konzept nähert sich Reinisch diesem paradox anmutenden Problem. Amorphe Skulptur nennt er einen Glaskubus, in dem sich eine gallertige Masse befindet, die je nach Aufstellung zumindest über eine bestimmte Zeit ihre Form ändert und eigentlich nur in Fotografien statisch erscheint.

Ernsthaft arbeitet Arnold Reinisch an einem zunehmend sich erweiternden Spiel der Bezüge und Formen, dessen Variationen maßgeblich von Ironie und Komik bestimmt sind. Die Anlage dieses Raumspiels erinnert dabei an die absurd komischen Konstellationen, wie sie Kurt Vonnegut in seinem SF-Roman „Die Sirenen des Titan"[1] entwickelt. Hier materialisieren sich etwa ein Mann und ein Hund immer wieder zwischen Erde, Mars und Saturn aufgrund eines „chrono-synklastischen Infundibulums", das jedem Versuch einer logischen Beschreibung trotzt und einem nicht zu hinterfragenden Axiom entspricht. Im Reinischen Kunstraum dagegen trifft man auf eine Serie von Landschaften, Plastiken, die zwar gerade noch als Typus bekannte Panoramen assoziieren lassen, die Erinnerung aber durch angebrachte Rückspiegel oder tatsächlich schwebende Elemente mehr als verunsichern. Ihren Wirklichkeitscharakter behaupten sie allein im Kontext der Kunst und Künstlichkeit.

Eine gewisse anarchische Tendenz, in erster Linie gegenüber der Kanonisierung kunsthistorischer Umstände, wie am Beispiel der Lewittiten gezeigt, ist vielen Arbeiten inhärent. Freundlicherweise muss man dem Künstler Arnold Reinisch zugute halten, dass er immer wieder auch versucht, dem Rezipienten, oder im Folgenden Benutzer, gewisse praktische Adaptionen an den Wieder-Holungen historisch bewährter Objekte zur Verfügung zu stellen. Das einem Pflasterstein nachempfundene Modell Paris ist mit Tachometer ausgestattet und verspricht bei statistisch zu erfassenden Wurfparametern zunehmende Präzision in künftigen Anwendungen. Der zynische Verweis auf Studentenunruhen oder solchen in den Pariser Satellitenstädten muss hier nicht weiter ausgeführt werden.

Eine Art Parallelraum zum oben diskutierten eröffnet Reinisch mit der Gruppe seiner Adjektiven Möbel. Ein zeichen- und sprachtheoretisches Problem im Bezugssystem von Objekt, Bezeichnetem und Bezeichnenden, wie es der Linguist Ferdinand de Saussure in einem Organon dargestellt hat, versucht Reinisch als Objekt darzustellen. Wenngleich orthografisch nicht ganz korrekt, teilt er auf -tisch auslautende Adjektive wie beispielsweise op-tisch. In Form der Buchstabenfolge op gestaltet er Tischflächen, womit das an sich abstrakte und nicht materielle sprachliche Zeichen im Objekt konkretisiert wird.

Punktierungen ist ein Konzept für den öffentlichen Raum, womit de Saussures Organon, in Form der Darstellung eines Bezugsystems zwischen Orten und sie bezeichnenden Substantiven in Variation der oben genannten Adjektiven Möbel, thematisiert wird. Zusammengesetzte Substantive bezeichnen jeweils einen -Punkt. In der individuellen Montage ergeben die zu lesenden Teile der zusammengesetzten Substantive wiederum neue Inhalte wie z. B. Flucht-Raster




Aus „spacing“, 2006, Foto, 30 x 40 cm
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Aus „spacing“, 2006, Foto, 30 x 40 cm


Aus „spacing“, 2006, Foto, 30 x 40 cm
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Aus „spacing“, 2006, Foto, 30 x 40 cm


„Modell Paris, Rekordversuch“, 2006, Fotomontage, 30 x 30 cm
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„Modell Paris, Rekordversuch“, 2006, Fotomontage, 30 x 30 cm


Aus „landschaften“, 2006, Papiermaché, Rückspiegel, Acryl, 28 x 23 x 25 cm
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Aus „landschaften“, 2006, Papiermaché, Rückspiegel, Acryl, 28 x 23 x 25 cm


Aus „adjektive möbel“, 1990-2006, Beton, Pigmente, Edelstahl, 74 x 76 x 134 cm
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Aus „adjektive möbel“, 1990-2006, Beton, Pigmente, Edelstahl, 74 x 76 x 134 cm


Aus „better halves“, „Körper 01“, 2006, verschiedene Materialien, Durchm. 30 cm
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Aus „better halves“, „Körper 01“, 2006, verschiedene Materialien, Durchm. 30 cm


„Wohnquadrat“, 2005, Acryljetprint auf Leinwand, je 30 x 30 cm
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„Wohnquadrat“, 2005, Acryljetprint auf Leinwand, je 30 x 30 cm


„Rauminstallation I – amorphe Skulptur“, 1997, Fotos je 30 x 30 cm
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„Rauminstallation I – amorphe Skulptur“, 1997, Fotos je 30 x 30 cm


Aus „stondage“, „Körper 01“, 2006, verschiedene Materialien, 45 x 30 x 35 cm
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Aus „stondage“, „Körper 01“, 2006, verschiedene Materialien, 45 x 30 x 35 cm


Aus „lewittite“, 2006, Papiermaché, Holz, Acryl, 57 x 57 x 57 cm
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Aus „lewittite“, 2006, Papiermaché, Holz, Acryl, 57 x 57 x 57 cm


Aus „Punktierungen“, 2006, Beton, Acryl, Edelstahl, je Scheibe 35 cm Durchm
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Aus „Punktierungen“, 2006, Beton, Acryl, Edelstahl, je Scheibe 35 cm Durchm




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