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Dževad Karahasan
Text von Andrea Sailer

Dževad Karahasan, geboren 1953 in Duvno, ist der bedeutendste zeitgenössische Autor Bosniens. Er hat schon einige große Bücher geschrieben, darunter „Tagebuch der Aussiedlung" oder „Sara und Serafina", zuletzt den Essayband „Das Buch der Gärten", für den er 2004 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung bekam.

In „Der nächtliche Rat" steht Simon im Mittelpunkt. Er ist Arzt in Berlin und kehrt nach einem Vierteljahrhundert in seine slawische Heimatstadt zurück, nicht wissend, dass bald darauf in genau dieser Stadt seine erste Liebe, der Verlobte dieser Ermordeten, der zugleich sein Schulfreund war, der beste Freund seines Vaters und sein eigener Freund gewaltsam ums Leben kommen werden. Der Verdacht fällt auf Simon. Während dieser versucht, sich dem Verdacht zu entwinden, lernene wir nicht nur viel über Simons Lebensgeschichte, sondern noch mehr. Karahasan führt uns an wunderbaren Sätzen und Metaphern entlang, mitten hinein in die existentielle Einsamkeit des modernen Menschen, in seine Geschichte, die immer auch ein Stück Weltgeschichte ist. Selten las man klügere Ausführungen über Strafe und Verdammnis, über Religion und Politik, Freiheit und Moral, über Wahrheit und - im Gegensatz dazu - dünkelhafte Vereinbarungen, über Ideologiekritik und philosophischen Diskurs.

Simon, fremd und einheimisch zugleich, lehrt uns, dass Heimat immer wieder einer neuen Definition bedarf. Besonders wunderbar ist jene, Heimat sei der Ort, „an dem man zum ersten Mal geweint hat"... Die Begegnung mit seinem Heimathaus birgt für Simon aber nicht nur Tränen, sondern wird zum eindringlichen Erlebnis der ganz besonderen Art. Denn da befindet sich plötzlich eine geheimnisvolle Tür, die sich als Eingang zu einer unterirdischen Stadt, einem Zwischenreich, ja, einer „Heimat für heimatlose Seelen" entpuppt.

Zwischen Studien über Provinzialität, Hymnen auf die Kraft der Unvernunft und virtuosen Annäherungen an das Phänomen der menschlichen Würde, - die vom humorvollen Erkennen, dass es „keine Würde in feuchten Unterhosen gibt", bis zum tiefsinnigen Verdacht, „Auflehnung und Hoffnung seien Grundvoraussetzungen für Würde" reicht, gleitet der Protagonist immer mehr in die Fangeisen seiner Vergangenheit, bis kein Entkommen mehr möglich scheint. Aber „jeder stirbt nun einmal lieber auf seine eigene Art, als auf eine fremde Art zu leben." Zumal der Mensch „seinen Tod wie eine Niere in sich trägt".....

Obwohl ein zutiefst ernsthafter Roman, lässt er Humor keineswegs vermissen. Wie viel man etwa über Männerbärte noch lernen kann ! Oder über die Liebe, die heutzutage, wie es Simons Frau Barbarawunderbar-wehmütig formuliert, „kein Schicksal mehr hat, sondern ein Verfallsdatum, wie der Mensch."

„Der nächtliche Rat" hat kein Verfallsdatum. Das Buch zeigt vor dem Hintergrund der jüngeren Zeitgeschichte, dass man Vergangenheit nicht einfach ausblenden kann, dass auch Historie kein Verfallsdatum kennt. „Nachdem wir Hitler umgebracht hatten", ist an einer Stelle nachzulesen, „hielten wir den Nazismus für erledigt. Als könntest du das Morgengrauen aufhalten, indem du den Hahn umbringst, der als erster gekräht hat..."

In Bosnien, so erfährt man auch, verlässt man eine Ort nicht gleich nach der Ankündigung. Und fragt nur die, die dir nicht willkommen sind, ob sie Kaffee möchten.

Dieser Roman verlässt einen auch noch lange nicht, nachdem man ihn zu Ende gelesen hat.



Dževad Karahasan
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Dževad Karahasan



Dzevad Karahasan

geboren 1953 in Duvno (Jugoslawien), Erzähler, Dramatiker und Essayist, wurde 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Er lebt in Graz und Sarajevo.

Zitat aus „Der nächtliche Rat"

Ein Mord, Mensch, das ist passiert!

 




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