Hans Koren Gedenkjahr 2006


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Marusa Krese
Text von Dorothea Nürnberg

Ich freue mich, heute Marusa Krese vorzustellen - doch, wie nähert man sich einer vielschichtigen Persönlichkeit, einem vielschichtigen literarischen Werk in 3 Minuten, wie ihnen gerecht werden?

Die zenbuddhistische Antwort auf diese Frage wäre: wirf den Verstand über Bord, um den Kern des Wesens zu erfassen.

Der Kern des Wesens? Leid?

Der Buddhismus setzt sich das Ziel, das überall gegenwärtige Leiden durch Nicht-Anhaften zu überwinden, dem Leid zu entrinnen; Marusa hingegen stellt sich dem Leiden in all seinen Facetten, geht freiwillig mitten hinein in die Kriegsschauplätze dieser Erde. Nach Sarajewo, nach Bethlehem.

Sie schreibt Essays, Gedichte, Reportagen, macht Radiofeatures, interviewt die Betroffenen, schildert die psychischen und physischen Auswirkungen des Krieges - und stellt dem Grauen Hoffnung, dem Absurden Poetisches gegenüber.

Das Leid im Zentrum des Leidens überwinden?

1947 in Ljublijana als Tochter von Partisanen, von Kriegshelden geboren, hoffte sie einer Generation anzugehören, die von Kriegen verschont bleibt. Doch Kriege bestimmen auch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts,  auch ihr Leben:

Algerien, Sudan, Vietnam, Iran, Irak, Bosnien, Israel

Marusa wandert durch die Welt, verfällt einem postjugoslawischen Nomadentum, das keine klaren Identitäten, keine Heimat kennt. In Berlin, in Graz wird sie vorübergehend sesshaft, Ausgangshäfen für immer neue Aufbrüche in die Welt des Grauens, in die Welt der Kriege.

Sarajewo, Afghanistan

Das Leid im Zentrum des Leidens überwinden.

In ihrem Dokumentarband „Alle meine Kriege"  fließen die Erfahrungen der Heimatlosigkeit, des Reisens, der Kriege ineinander, spinnen ein Netz aus Gedichten und Prosatexten, Briefen und Reportagen, die sich zu einer lyrisch rhythmischen Montage verdichten. Kontinente, Menschen, Sprachen verlieren ihre Identität, ihre Eigenart im Wogen der Gewalt, der immergleichen Brutalität.

Doch plötzlich, zwischen Leichen, Prothesen, Verstümmelten, Zypressen und dem immer wiederkehrenden Blick auf das Meer leuchtet sie auf, die Essenz, der poetische Kern, gar das Wesen von Marusas Schreiben?

„ich habe mir das Recht für den Weg
in die Hölle genommen,
in die umzingelte Stadt,
wo ich eine Wärme wieder finde,
die keiner kennt
weil ich meine Seele kläre
in einer Zeit
in der sich alle bemühen
aus einer Hölle
eine noch größere Hölle zu machen"

Hier schließt sich der Kreis des zenbuddhistischen Koans, die Aufhebung der Gegensätze in Marusas gleichermaßen persönlichen wie politischen Geschichten von Verzweiflung und Hoffnung, Leere und Fülle - und dem Versuch, der Welt dennoch eine Sprache abzuringen.




Marusa Krese
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Marusa Krese



Kurzbiografie Marusa Krese

Geboren 1947 in Ljubljana, Studium der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Ljubljana, Studienaufenthalte in USA, Utrecht, Arbeit als Gruppentherapeutin in Tübingen, Ljubljana, London, Utrecht. Seit 1990 freie Journalistin und Schriftstellerin in Berlin, Mitglied des PEN-Zentrum Deutschlands seit 1998

1996
Verleihung des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland als Würdigung ihres humanitären und kulturellen Engagements während des Krieges in Bosnien und Herzegowina, Organisation von mehrerer Initiativen für Unterstützung unabhängiger Medien und der Friedensbewegung in Ex- Jugoslawien, damit verbunden zahlreiche Reisen in dieses Gebiet und durch Europa

International Writing Program, University of Iowa; Aufenthalt  Künstlerhaus Wiepersdorf; KulturKontakt Austria,Wien; Baltic Centre for Writers and Translators, Gotland, Sweden; Künstlerdorf  Schöppingen; Künstlerdorf Schreyan; Anna Krüger Preis; Arbeits Stipendium von Berlin Kultur Senat
Stadtschreiberin in Graz
Mutter von drei Kindern (34, 30, 20)

Zahlreiche Veröffentlichungen, Prosa, Lyrik, Feature, zuletzt: 2006  Alle meine Kriege, Leykam Verlag, Graz; Alle meine Weihnachten Drava Verlag, Klagenfurt- Celovec; 2006 Vsi moji Bozici Mladinska knjiga, Ljubljana; 2004 Feature „Alle meine Kriege" oder Happiness is a warm gun RBB/DLR; Feature „Es ist nicht alles Gold, was glänzt" Slowenien vor der EU-Beitritt, RBB; Lyrik  „Yorkshire Tashe", Wieser Verlag, Edition Zwei, Klagenfurt

Zitat aus „Alle meine Kriege":
Ein Taxifahrer in New York. „We are saving the World." Er ist überzeugt, dass es wirklich so ist. Ich nicke und bezahle. Von jetzt an nur noch die U-Bahn, beschließe ich.


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