Ich freue mich, heute Marusa Krese vorzustellen - doch, wie nähert man sich einer vielschichtigen Persönlichkeit, einem vielschichtigen literarischen Werk in 3 Minuten, wie ihnen gerecht werden?
Die zenbuddhistische Antwort auf diese Frage wäre: wirf den Verstand über Bord, um den Kern des Wesens zu erfassen.
Der Kern des Wesens? Leid?
Der Buddhismus setzt sich das Ziel, das überall gegenwärtige Leiden durch Nicht-Anhaften zu überwinden, dem Leid zu entrinnen; Marusa hingegen stellt sich dem Leiden in all seinen Facetten, geht freiwillig mitten hinein in die Kriegsschauplätze dieser Erde. Nach Sarajewo, nach Bethlehem.
Sie schreibt Essays, Gedichte, Reportagen, macht Radiofeatures, interviewt die Betroffenen, schildert die psychischen und physischen Auswirkungen des Krieges - und stellt dem Grauen Hoffnung, dem Absurden Poetisches gegenüber.
Das Leid im Zentrum des Leidens überwinden?
1947 in Ljublijana als Tochter von Partisanen, von Kriegshelden geboren, hoffte sie einer Generation anzugehören, die von Kriegen verschont bleibt. Doch Kriege bestimmen auch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, auch ihr Leben:
Algerien, Sudan, Vietnam, Iran, Irak, Bosnien, Israel
Marusa wandert durch die Welt, verfällt einem postjugoslawischen Nomadentum, das keine klaren Identitäten, keine Heimat kennt. In Berlin, in Graz wird sie vorübergehend sesshaft, Ausgangshäfen für immer neue Aufbrüche in die Welt des Grauens, in die Welt der Kriege.
Sarajewo, Afghanistan
Das Leid im Zentrum des Leidens überwinden.
In ihrem Dokumentarband „Alle meine Kriege" fließen die Erfahrungen der Heimatlosigkeit, des Reisens, der Kriege ineinander, spinnen ein Netz aus Gedichten und Prosatexten, Briefen und Reportagen, die sich zu einer lyrisch rhythmischen Montage verdichten. Kontinente, Menschen, Sprachen verlieren ihre Identität, ihre Eigenart im Wogen der Gewalt, der immergleichen Brutalität.
Doch plötzlich, zwischen Leichen, Prothesen, Verstümmelten, Zypressen und dem immer wiederkehrenden Blick auf das Meer leuchtet sie auf, die Essenz, der poetische Kern, gar das Wesen von Marusas Schreiben?
„ich habe mir das Recht für den Weg
in die Hölle genommen,
in die umzingelte Stadt,
wo ich eine Wärme wieder finde,
die keiner kennt
weil ich meine Seele kläre
in einer Zeit
in der sich alle bemühen
aus einer Hölle
eine noch größere Hölle zu machen"
Hier schließt sich der Kreis des zenbuddhistischen Koans, die Aufhebung der Gegensätze in Marusas gleichermaßen persönlichen wie politischen Geschichten von Verzweiflung und Hoffnung, Leere und Fülle - und dem Versuch, der Welt dennoch eine Sprache abzuringen.
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Marusa Krese
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