Hans Koren Gedenkjahr 2006


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Saša Stanišić
Text von Angelika Reitzer

Ivo Andric erzählte die Geschichte der »Brücke über die Drina«, jenem berühmten Bauwerk aus dem 16. Jahrhundert, das Orient und Okzident verbinden sollte, und wohl auch Serbien und Bosnien. Laut Wikipedia sind der Nobelpreisträger Andric und Saša Stanišić die beiden berühmten Söhne von Višegrad.

Fünfzig Jahre nach Andric ist die Drina für Aleksandar, den Helden in Saša Stanišić' Roman »Wie der Soldat das Grammophon repariert« der Kindheitsfluss.

Im Juni 2005 wurde eine Erzählung daraus mit dem Publikumspreis beim Bachmannwettbewerb ausgezeichnet, im letzten Jahr war der Debütroman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zurzeit ist er Stadtschreiber in Graz. In seinem Weblog lese ich an dem Tag, an dem die Buchpreis-Nominierung bekanntgegeben wurde:

Und heute bin ich einen Tag des Lebens mehr in Deutschland, als in Bosnien. Was hat das zu sagen? Was auch immer, anscheinend sage ich es auf Deutsch.

Stanišić, 1978 in Višegrad, früher Jugoslawien/heute Bosnien-Herzegowina, geboren und 1992 vor dem Krieg mit seiner Familie nach Heidelberg geflüchtet, ist der Chefgenosse des Fabulierens, der die Burleske, der das Ausufernde liebt - und wagt: Der Roman besteht aus vielen barock anmutenden, humorvoll erzählten, immer wieder tragisch sich wendenden Erzählungen, es gibt ein Buch im Buch, es gibt Listen, Briefe, es gibt Notizen, Anekdoten und Mythen. Der Erzähler ist so wendig, dass er ein und ausgeht in seiner Geschichte, er kann sogar ganz heraussteigen, was mir gefallen hat.

Stanišić erzählt über die Idylle einer Kindheit, das wäre gar nicht anders möglich gewesen, mit dem Zauberstab von Opa Slavko als Erbe und gemäß dem Wesen als Fähigkeitenzauberer; er erzählt vom Hereinbrechen des Krieges in diese Kindheit, von der Belagerung Višegrads im April 1992, der Flucht nach Serbien, bald nach Deutschland. Es ist Krieg, doch der Erzähler ist fast noch ein Kind, das mit den anderen Kindern den Krieg nachspielt und sich wundert, dass einer blutet; er ist in einem neuen, fremden Land, aber er ist auch ein Jugendlicher, der Fußball liebt, Videospiele ausleiht, sich die Haare wachsen lässt.

Stanišić hat einen Roman über das Erwachsenwerden geschrieben, und über das zur-Sprache-kommen eines Menschen, der aus zwei Sprachen herstammt: wie einer, der aus familientechnischen Gründen versprochen hat, nie aufzuhören mit dem Erzählen, zu einem richtigen Schriftsteller wird.
Er macht, dass man sich gerne an etwas erinnert, das so vielleicht gar nicht gewesen ist (aber man kann es sich, mit Aleksandar, vorstellen - imaginieren eben): das Stela-Eis, die Spardose oder Wohnzimmer, die nach Apfelkompott riechen...

Aleksandar ist der Chefgenosse des Unfertigen und Saša Stanišić schreibt gegen das Ende an, weil es bei allem Zauber kein Ende gut/alles gut gibt. Nur das Erinnern.

Auch wenn die Brücke über die Drina gehalten hat: ein Zurück gibt es nicht. Auch das Erzählen kann einen Krieg nicht rückgängig, Geschehenes nicht ungeschehen machen. Aber Aleksandar hat das Mögliche (oder Unmögliche) schon begriffen, bevor er angefangen hat. Einmal antwortet er auf die Frage des Großvaters, was er behalten habe, nachdem er den großen, den zu großen Fisch wieder losgelassen hatte: den Tag.

Ebendies: den Tag behalten (nicht den Fisch), um davon zu erzählen!




Saša Stanišić
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Saša Stanišić



Kurzbiografie Saša Stanišic

Saša Stanišic wurde 1978 in Višegrad (heute Bosnien-Herzegowina)  geboren. Leidenschaftlicher Fußballspieler und Autor. Sein Debütroman „Wie  der Soldat das Grammofon repariert" über eine Kindheit in Bosnien, einen  Krieg, eine Flucht, eine Rückkehr und einen unbedingten Willen, zu  erzählen erschien im Luchterhand-Literaturverlag im Sommer 2006. Der Roman schaffte es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde  kürzlich mit dem Literaturförderpreis der Stadt Bremen ausgezeichnet.
Stanišic ist Grazer Stadtschreiber.

Zitat:
"Ein Junge aus der Straße nannte mich Bastard. Meine Mutter habe  mein serbisches Blut vergiftet. Ich wußte nicht, ob ich ihn dafür zusammenschlagen sollte oder trotzig und stolz sein sollte. Ich war weder trotzig, noch stolz und wurde zusammenschlagen."


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