Anfang und Ende dieser Mini-Einführung hatte ich schon vor einigen Wochen fertig - bis Donnertag fehlte mir allerdings das Wichtigste: der Hauptteil. Eine Idee war da, die Ausarbeitung jedoch äußerst unvollständig in meinem Kopf, als mich vor drei Tagen Christian Teissl persönlich anrief...
Genau gesagt fand ich am Nachmittag eine unbekannte Nummer auf dem Display meines Handys. Nachdem ich die Nummer zurückgerufen hatte, meldete sich ein hörbar gut gelaunter Christan Teissl. Wir kennen uns seit Februar 2000 - als mein erstes Buch erschienen war, er eine Rezension darüber geschrieben und mich um einen Text für die Literaturzeitschrift „11" gebeten hatte.
Nicht nur Christan Teissls Telefonstimme lachte mich vor drei Tagen an, auch ihre Geschwindigkeit. Christan Teissl berichtete mit flinkflotten Einleitungsätzen von den neuesten Metamorphosen seines Lebens: vom Wohnungswechsel unlängst - seinen Umzug vom studentischen Geidorf in die Pommergasse in Eggenberg, die seiner Ansicht nach gar nicht so laut sei, oder dass er gerade am Fenster seiner neuen Wohnung im zweiten Stock stehe, wo man Schlossberg sowie Schöckel erblicken könnte. - Was das alles mit Literatur und dieser Einführung zu tun hat? Nun, um die Spannung zu erhöhen, möchte ich darauf erst am Ende zurückkommen. Christian Teissl fragte jedenfalls etwas am Telefon, das mich bewog, meinen Anfang und das Ende meiner geplanten Einführung zu seinem literarischen Schaffen abzuändern.
Bis zu dieser telefonischen Begegnung hätte ich mit einer Definition von „Lyrik" und „Gedicht" begonnen. Man kann diese bei Wikipedia nachgoogeln.
Ich der Schule erfreute uns der genannte poetische Bereich eher selten, vor allem wenn wir Aufsätze darüber schreiben mussten: Was bedeutet dieses Gedicht? - Die gleiche Frage ließe sich täglich in unserem Leben stellen. Jedes Mal, wenn wir aus einem Traum aufwachen, uns daran erinnern und diesen verstehen wollen, könnten wir fragen: Was bedeutet dieser Traum?
Finden wir den richtigen Blick, behauptet die Traumexpertin Ortrud Grön, können uns Träume - genauso wie Gedichte - auf die erfolgreiche Suche nach uns selbst bringen. Das traumhafte Ich stellt sich oft so verrätselt dar wie die poetischen Stimmen, die wir bei Lyrikern begegnen können. Auch Christian Teissl beginnt seinen Gedichtband „Das große Regenalphabet", als würde der Autor von einem wundersamen Traum berichten: „Während zwei Sonnen auf und unter gehen / und unsere Schatten ineinander fallen / suchst du ein Wort für Ebbe und für Flut / in meiner Sprache suche ich ein Wort für / Meer und Finsternis in deiner"
Was könnte dieses Geträumte, wäre es tatsächlich geträumt gewesen, bedeuten? - „Letzten Endes", schreibt Christian Teissl auf seiner Homepage christianteissl.at, „letzten Endes", sagt er, „schreibt man, um ein anderer zu werden. Schreiben bedeutet immer Verwandlung." - Begegnen wir in diesem Sinne einem Gedicht von Christian Teissl, schließen wir gleichsam Bekanntschaft mit einer aufgeschriebenen Metamorphose der realen Person des Autors. Konsequent weitergedacht: schreibt Christian Teissl ein Gedicht, will er am Ende ein anderer sein, als er zu Anfang war. Wir lernen in seinen Gedichten also nicht die reale Autorenpersönlichkeit Christian Teissl kennen - wie man sie zum Beispiel am Telefon begegnen kann, sondern ein sich ständig verwandelndes Erzähler-Ich, das dem realen Autoren-Ich mit jedem Wort verpflichtet ist. Einfacher oder noch komplizierter ausgedrückt: uns begegnet die schwankende Erzählergestalt der sich fortschreibenden realen Autorenpersönlichkeit Christian Teissl.
Der Morphologe Wilhelm Salber schreibt im Buch „Traum und Tag": „Die Gestalten des Traumes sind ‚schwankende Gestalten'. [...] In Gestalten rumort es. Die Gestalten drängen sich deshalb als überschaubare Ordnungen auf, als Halt, als etwas, das uns nicht verrät - weil sie in einer Verwandlungs-Wirklichkeit aufkommen. Gestalten selbst sind Verwandlungen."
Was Christian Teissl also über den Prozess des Schreibens schreibt, könnte man genauso auf den Akt des Träumens übertragen: Letzten Endes träumt man, um ein anderer zu werden. Träumen bedeutet immer Verwandlung. - Zufällig trägt das erste Gedicht des „großen Regenalphabets" den viel sprechenden Titel „Metamorphosen". Und sinngemäß gestaltet sich dessen zweite Strophe als sich fortschreibende Verwandlung der Erzählergestalt Christian Teissl - wie ein zweites Traumbild, das aus dem ersten auftaucht: „Doch das Strähnige: das große Regenalphabet / das wir erlernten in acht Frühlingen / tritt an die Stelle unsrer Wörter / löscht deinen Umriss aus der Landschaft / lässt dich einen Sommer lang Fisch und Koralle werden"
Der Autor setzt die Metapher des „großen Regenalphabets" im gleich betitelten Buch wiederkehrend ein. „Das große Regenalphabet" erscheint wie ein unwirkliches Traumbild, in dem sich Natur und Sprache vereinen und das zugleich Thema und Konflikt der schwankenden Erzählergestalt auszudrücken scheint:
Jemand will hier seine aufwallenden und abflauenden Gefühle betiteln, versucht sogar exakte Worte für Empfindungen zu finden, die sich hinter allen spürbaren Zuständen abspielen. Kurz gesagt scheint das Thema des Träumers zu sein: sowohl das Bewusste als auch das Unbewusste zur Sprache bringen zu müssen, um überleben zu können. Darin liegt auch sein Konflikt, denn eine erfolgreiche Benennung wäre nur möglich, wenn Gefühl und Gedanke, Erfahrung und Reflexion, Regen und Alphabet eins werden könnten. Genau dann ginge allerdings dem erlebenden Ich seine Identität und Autonomie verloren: die Person und das Bewusstsein würde sich gleichsam auflösen und jede Kontrolle über seine Gestalt verlieren - vor allem aber über das Gestalten seiner Persönlichkeit in der sozialen Umgebung. Man würde, kurz gesagt, wie zu einem „Fisch" werden: sich gleichsam zu einem Lebewesen zurückentwickeln, das keinerlei Bedürfnisse mehr hat, die es benennen könnte, sondern bloß noch Bedürfniswesen ist, vollkommen sprachlos.
Träume, sagt Traumexpertin Ortrud Grön, gestalten sich zumeist in drei Hauptbilder. Das erste Bild zeige uns das zentrale Thema des Träumers, das zweite seinen Hauptkonflikt, und das dritte bietet uns eine Lösung dafür an. - Die rätselhafte Lösung, die uns der Lyriker mit seiner dritten Strophe anbietet, lautet: „In der Zeit danach: der ungemessenen / in diesem langen leeren Herbst / wohnt mein Gedächtnis fremd im fremden Wind / auf einer Erde die wie nackte Haut ist / und weiß nichts von deiner Gegenwart"
Welchen verwandelten Christian Teissl begegnen wir hier? - Was ausgesprochene Worte sind, und wie das ausgesprochene Wort auf uns selber und andere wirkt - dafür findet Traumexpertin Ortrud Grön folgende Worte: „Worte, die wir aussprechen, spiegeln, wie frei oder unfrei, wie bewusst oder unbewusst wir sind. Mit Worten entscheiden wir, ob wir Wahrheit oder Unwahrheit, Liebe oder Hass, Interesse oder Gleichgültigkeit, Genauigkeit oder Ungenauigkeit und damit Freiheit oder Unfreiheit sowohl in uns selbst, als auch in anderen auf den Weg bringen."
Vor drei Tagen hatte Christan Teissl mich am Telefon gefragt, ob ich die letzte Rezension über seinen Gedichtband „Das große Regenalphabet" schon kenne würde, oder ob er mir diese nicht vielleicht zuschicken soll... Man könnte daraus durchaus zitieren. Aber das wollte und will ich auch am Ende nicht.
Ich wünsche uns allen für heute noch aufschlussreiche Träume!
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Christian Teissl
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