„Jemand musste G. gestoßen haben, denn ohne dass er gestolpert wäre, stürzte er in den Abendstunden eines trägen Sommertages die Treppe zu seinem Zimmer hinab - einen engen, hölzernen Schacht über zumindest drei Stockwerke -, bevor sein Körper, längst bewusstloses Fleisch geworden, mit einem dumpfen Ton im Parterre aufschlug."
So beginnt Georg Petz seinen gewaltigen und sprachmächtigen Roman DIR TAUSENDJÄHRIGE NACHT.
Verweisen die ersten Satzteile auf einen 1924 verstorbenen berühmten Dichter aus Prag, verweisen die letzten auf Dichter aus der Neuen Welt, wo Tradition und Moderne nie krasse Gegensätze waren, ja mancher Autor von Weltrang sich in seinen Anfängen sehr mit der europäischen Avantgarde beschäftigte, bevor er das Beste aus ihr für seine Zwecke adaptierte und sie mit der Tradition seines eigenen Landes verschmolz - ich meine Dichter wie Mario Vargas Llosa, Carlos Fuentes, Manuel Puig, Julio Cortázar, Leslie Kaplan und sogar Gabriel García-Márquez, um nur einige zu nennen. Ich erwähne dies deshalb, weil es bei uns Kritiker gibt - ich meine nicht unbedingt Berufskritiker allein - die Georg Petz für einen konservativen Autor halten, nach der bekannten Formel: Wer auktorial erzählt, ist gleich autoritär ist gleich katholisch ist gleich - fehlt nur mehr: nationalsozialistisch, um den mißverstandenen Ernst in der Manier eines berühmten Ohlsdorfer Vierkanthofbewohners auf die Spitze zu treiben.
Es gibt bei uns auch Kritiker, die Georg Petz vorwerfen, er wäre ein unpolitischer Autor, wohl weil er das Politische für Sehbehinderte, die in vorauseilendem Gehorsam seit einer Weile nicht mehr ‚handicapped persons', sondern ‚challenged persons' heißen, weil Georg Petz also das Politische nicht kräftig genug in seine Texte einschreibt - ein Argument, das sonderbar klingt, behaupten dieselben Kritiker oft im gleichen Atemzug: alles wäre politisch ( = na ja, wenn man auf dem Nordpol steht, führen auch alle Richtungen nach Süden).
Was diese Kritiker miteinander verbindet, ist wohl der Unmut darüber, daß Georg Petz mit seinem gewaltigen Romandebut etwas gewagt hat, was man als abgerichteter so genannter Autor nicht wagen darf. Ich sage absichtlich Autor - denn dieses Wort ist für mich ein Unwort, weil es Neutralität vortäuscht, zumal auch die Verfasser des neu-neuen Duden Autoren sind, die allerdings weder künstlerischen Anspruch erheben und oft gar nicht einmal mehr einen wissenschaftlichen! Was also all diese Kritiker miteinander verbindet, ist wohl: Georg Petz hat in ihren Augen etwas gewagt hat, was man als abgerichteter so genannter Autor in einem ernstzunehmenden österreichischen Verlag auf keinen Fall machen darf. Nämlich: handfest zu erzählen.
Georg Petz hat mit seiner TAUSENDJÄHRIGEN NACHT einen Erzählstrom geschaffen, der sich in weit verzweigenden Flußlandschaften über zahlreiche Kaskaden auf 425 Seiten dahinwälzt, „angelegt im Genre der Utopie, die modellhaft die Entstehung und Fortentwicklung von Zivilisation schlechthin erzählt," wie Helmut Bast im FALTER (Nr. 22/2006) anerkennend schreibt.
Das ist, ich scheue mich nicht, es deutlich zu sagen, ein Unternehmen, wie es nur wenige Schriftsteller vermögen. Ich denke dabei an Romane wie DIE LETZTE WELT (von Christoph Ransmayer), IM LAND DER LETZTEN DINGE (von Paul Auster) oder an EL PARADISO von Jose Lezama Lima. Und genau auf dieser Höhe bewegt sich Georg Petz mit seinem Roman.
Leider haben viele noch immer nicht bemerkt oder bemerken wollen, daß sich in der deutschsprachigen Literatur längst ein Paradigmenwechsel vollzogen hat - nicht zuletzt gerade durch eine Reihe hervorragender österreichische Autoren - vertreten fast immer in bundesdeutschen Verlagen. So ist es wohl nicht verwunderlich, daß das Medienecho über DIE TAUSENDJÄHRIGE NACHT in der ohnehin ausgedörrten österreichischen Zeitungslandschaft bemerkenswert überschaubar ist. Das bräuchte einen Schriftsteller von Format an und für sich nicht sonderlich zu interessieren, würde der Ausspruch eines Mannes, der sicher nicht im Verdacht des Konservativismus steht, nicht so frappant stimmen. Kein geringerer als ein gewisser Warhola Andrej, weltberühmt unter seinem anglisierten Namen Andy Warhol stellte bereits vor Jahrzehnten mit schneidendem Sarkasmus fest:
„Gleichgültig, wie gut Du bist. Wenn Du nicht auf die richtige Weise vermarktet wirst, wird sich niemand an Dich erinnern."
Vielleicht wurde der Roman von Georg Petz bisher auch deshalb so stiefmütterlich rezensiert bzw. vorwiegend ignoriert, weil seine neue Publikation zwar ein Debutroman, aber keine Debutpublikation ist. Machen wir uns nichts vor:
Wer vor etwa 20 Jahren debütierte, tat dies, ohne groß wahrgenommen zu werden. Wer dagegen heute debütiert, wird meist sofort auf einen Schild gehoben wie ein Kaiser, bevor er sich das Steißbein anschlägt und erkennt, daß der Schild bloß aus Sperrholz und Talmi bestand. - Diese Klage höre ich immer öfter von Schreibenden in den Zwanzigern und Dreißigern, die zu ihrer Verblüffung feststellen, daß der Trend ein Flittchen und die Mode eine Hure ist. Sie haben vom Literaturbetrieb nur das Wort Literatur gelesen, den -betrieb jedoch überlesen. Oder anders ausgedrückt, wie mir eine Literaturagentin aus Berlin vor gar nicht so langer Zeit erklärte:
„Wenn das Porträtfoto statt klein auf der hinteren Buchklappe groß vorn am Cover erscheint, ist das ein Zeichen, daß der Verlag primär nicht auf das setzt, was man zwischen den Buchdeckeln lesen könnte." Dann meinte sie nüchtern: „Mit Schlafzimmerblicken macht man nur kurzfristig Furore - das haben die letzten paar Jahre uns Agenten wie Verleger immer deutlicher gezeigt."
So freut es mich besonders, Ihnen mit Georg Petz - ich nenne ihn doppeldeutig und nicht zufällig Meister Petz - keinen jungen Autor, sondern jungen Schriftsteller, ja Dichter vorstellen zu dürfen, der auf literarische Trends und Moden pfeift: genauso wie ich.
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Georg Petz
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