Durchaus in dem Wissen, dass eine Abbildung niemals der vollständigen
Wiedergabe eines Motivs respektive der Vervielfältigung eines Objekts
gleichkommt, vielmehr bestenfalls einer Übersetzung in eine zur
kompromissbehafteten Wiedergabe durch ein Medium taugliche Form entspricht,
einer Umformung also die man üblicherweise als In-formation bezeichnet und die
durch Verluste gegenüber dem Motiv oder dem Objekt gekennzeichnet ist, machte
sich der junge Grazer Medienkünstler Daniel Hafner im Sommer dieses Jahres
daran, 25 Meter Landstraße, irgendwo auf der Strecke zwischen Feldbach und
Mürzzuschlag gelegen, akustisch abzubilden. Die Idee zu dieser Arbeit entstand mit
der Vergabe des K.U.L.M.-Stipendiums an den Künstler und der Einladung zur
Teilnahme an der Ausstellung Periphere
Strukturen in der Kunsthalle Feldbach im heurigen Steirischer Herbst. Dass sich die Wirklichkeit in analytischer
Betrachtung als nicht unkompliziert erweist, über die Analyse sich vielfach
nicht eine, sondern etliche Wirklichkeiten abzeichnen, darauf will der bewusst
nicht unkompliziert formulierte Einleitungssatz verweisen. Die selbst gestellte
Aufgabe sollte also auch nicht schlicht mit Mikrofon und Aufnahmegerät und
naheliegender Wiedergabe durch herkömmliche Apparaturen von Hafner bewerkstelligt
werden. Verfahren wie Ergebnis sprechen für die Grundhaltung des Künstlers, der
vorausgehenden präzisen Beobachtung eine ebensolche Ausführung als Werk folgen
zu lassen.
Information
Landstraße
Entlang einem 25 Meter langen Gang in der Kunsthalle Feldbach baute er also
eine Batterie von Lautsprechern auf, die die festgehaltenen Geräusche aus dem
Umkreis dieser 25 Meter Landstraße wiedergaben. Zu hören waren hauptsächlich
Vogelgezwitscher und Grillengezirp, hin und wieder das Geräusch eines
vorüberfahrenden Autos – für Daniel Hafner vorrangig der Transporter, mittels
dem Stadt und Land auch noch in absehbarer Zeit miteinander verbunden bleiben. Die
Wiedergabe des erstellten Tondokuments lehnte Hafner an Prinzipen serieller
Abfolgen von Einzelbildern an, wie sie zur Erstellung der Bewegungssequenzen von
Étienne Jules Marey oder Eadward Muybridge noch zu Ende des 19. Jahrhunderts angewandt
wurden und wie sie im Prinzip immer noch für den Film gelten. Für jeden
Lautsprecher entlang der Strecke bearbeitete Hafner ein komplettes, dem
Aufstellungsort entsprechendes Soundsample mit Hüllkurve und Dopplereffekt. Der
Geschwindigkeit des vorüberfahrenden Autos angepasst wurde nacheinander jeder
Lautsprecher separiert angesteuert, was in Summe dem wirklichen Verlauf von
Geräuschen über eine Distanz in einer Zeit verblüffend nah kam – eine Installation
als Hörfilm namens BRRRRMMMMM.
Außerordentlicher
Schüler
Der 1979 in Deutschlandsberg geborene Daniel Hafner absolvierte die
Meisterschule für Kunst und Gestaltung in Graz, er war – wohl in mehrfachem
Sinn – außerordentlicher Schüler von
Jörg Schlick, studierte an der Universität für bildende Kunst in Wien bei Peter
Kogler und derzeit in der Meisterklasse für Kunst und digitale Medien bei
Konstanze Ruhm. Zur Veranschaulichung der Arbeitsweisen des Medienkünstlers mag
ein Diktum des Filmtheoretikers Béla Balázs vom Anfang der 20er Jahre des
vorigen Jahrhunderts dienlich sein, das wohl noch für eine erste Generation von
KünstlerInnen bezeichnend gewesen ist, die mit ihren Video- und Computerarbeiten
in erster Linie die Funktionsweisen des Mediums selbst thematisierten: „Die
technische Möglichkeit ist die wirksamste Inspiration. Der Apparat ist die
Muse.“ Auf
der Höhe der Zeit und im Wissen um Anwendungsverfahren und die Umsetzung von
Ideen mittels verfügbarer Technologie steht für Hafner dagegen die Idee und das
Konzept einer neuen Arbeit im Vordergrund der folgenden Überlegungen zu formaler
und inhaltlicher Umsetzung mittels Adaption des dafür geeigneten Mediums. Entsprechend
diesem Ansatz führt er immer wieder auch vor, wie Funktionsprinzipien von
Apparaten aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik unterwandert oder
umgewidmet werden, wie Hightech zu Lowtech wird.
Sound und Bild
Musik aus der
Batterie, eine technikbasierte Performance, wurde aus der Beobachtung des Auftretens von
Eigendynamiken entwickelt, die durch gezieltes Hervorrufen von Defekten an
elektronischen Kinderklavieren entstanden. Durch Ansteuerung mittels
Niedervoltverfahren, über selbst gebauten Verteiler und Potentiometer an ein
Elektroklavier, macht sich Hafner die „unerforschten Ressourcen“ billiger
Soundchips gefügig und erzeugt manipulierte Klänge, die den handelsüblichen
Chips eigentlich nicht inhärent sein sollten.
Eine Erweiterung traditioneller Tafelmalerei in Anlehnung an physikalische
und chemische Prozesse der Lichtmalerei, die heute gerade noch als analoge
Fotografie erinnert wird, gelingt Hafner mit seinen Regen-Momentaufnahmen: „Ich habe seit meiner Kindheit die
Angewohnheit, wenn sich Regen ankündigt hinaus zu gehen, um mitzuerleben und
mitzufühlen, wie sich das Wetter verändert, welche Stimmung herrscht, welche
Kräfte am Werk sind.“ Die Beobachtung verschiedenartigster Konstellationen und Konzentrationen
von Regen führte zur Entwicklung eines geeigneten Abbildungsverfahrens.
Bildträger werden, vergleichbar einem Belichtungsvorgang in der Kamera, für wenige
Augenblicke dem Regen ausgesetzt. Die spezielle Grundierung dieser Leinwände
bewirkt, dass Tropfen nur leicht angesaugt werden und für kurze Zeit ihre Form
halten. In einem nächsten Schritt wird eine Mischung aus Pigment und pulverisiertem
Bindmittel aufgebracht und nach Trocknung das überschüssige Pulver abgeblasen. Zurück
bleiben Markierungen, die je nach Tropfengröße und Regendichte
verschiedenartige Punktstrukturen wie in einem All Over ergeben. Die Einzigartigkeit
des so festgehaltenen Augenblicks im Bild betont Daniel Hafner durch
Zusatzinformationen meteorologischer Daten, Ort der Aufnahme, Datum,
Aufnahmedauer neben den für Tafelbilder üblichen Format- und
Bildträgerbeschreibung.
Seine Beobachtungen diverser Phänomene hält er in einer Art Zettelkasten
fest und erweitert sie angelegentlich zu Konzepten für neue Kunstwerke, die für
Ausstellungen und Präsentationen ausgearbeitet werden. So entstand der Optoschüttler aus der etwas skurril
anmutenden Praxis, sich während der Arbeit am Computer die Zähne mit einer
vibrierenden Elektrozahnbürste zu putzen. Die in der Folge entwickelte und
erstmals im heurigen Frühjahr im Rahmen von Vista
Point im Grazer Medienturm präsentierte Installation besteht aus einem PC
und einer vor dem Bildschirm positionierten Vorrichtung. Auf dem Bildschirm war
das immer gleich bleibende Bild von Steinen zu sehen. Legte ein Betrachter sein
Kinn nun in jene Vorrichtung, so wurde damit sein Kopf in leichte Vibration
versetzt; durch Interferenzen zwischen Bildaufbaufrequenz am Bildschirm und der
Frequenz des Kopfschüttelns entstand der Eindruck, die Steine auf dem
Monitorbild würden von einer Wasserwelle überflutet.
Laut und leise
Für die Gallery of Contemporary Art Celje baute
Daniel Hafner TRÖÖÖT auf. Ironische
Intention dieses „Spiels für eine Person“ war, dass der Proband das Ziel des
Spiels besser nicht erreichen sollte. Vielmehr galt es, über die entscheidende
Handlung nachzudenken und sie schließlich nicht auszuführen. TRÖÖÖT veranschaulicht „ein unausgeglichenes
Verhältnis zwischen intuitiver und analytischer Vorgehensweise“, stellt Hafner
in der Projektbeschreibung fest, und es stellt ein subtiles Beispiel für
gefordertes Handeln gegenüber der individuellen Entscheidung zum Nicht-Handeln dar.
Drei Schalter in einer Linie an der Wand befestigt, die zwei äußeren in einer Distanz voneinander, die ungefähr
der Spanne ausgebreiteter Arme entspricht, sollten von einer Person
gleichzeitig betätigt werden. Schaltete man die äußeren, so erreichte man den
mittleren nur mehr mit der Stirn. Allerdings brachte man nun sein rechtes Ohr
genau in Position vor eine Sirene, die bei nun gleichzeitiger Betätigung aller
drei Schalter den Spielerfolg durch Alarmton bestätigte.
Daniel Hafner ist auch Musiker. Mit seinen Brüdern Simon und Matthias sorgt
er in der Formation Winterstrand für
anlassgerechte IDM – Intelligent Dance Music. Das sind „Soundscapes, heavy breaks,
relaxed (but never loungy) rhythms combined with a melodic intensity which
generate a timeless feeling“, wie der Ton und seine Folgen auf der Website www.winterstrand.net beschrieben werden. Beispiele
zum Download sind dort verfügbar.
Derzeit ist Wald im Rahmen der
Ausstellung Erzählungen -35/65+ im
Kunsthaus Graz zu sehen. Wald ist eine raumfüllende Installation aus
einer halben Tonne Karton, die sich in einer labyrinthisch windenden
Endlosschleife im Space01 des Kunsthauses befindet. Davor stehend, weil ein
Eindringen unmöglich ist, sieht man „den Wald vor lauter Bäumen nicht“, wie es in einem
Gedicht des Romantikers Christoph Martin Wieland heißt, das als Material zum Konzept
der Arbeit verstanden werden darf.
[1] Herbert Marshall McLuhan nahm 1967 die Adaption "The Medium is the Message" vor
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BRRRRMMMMM, 2006
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Musik aus der Batterie, 2006
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Regen-Momentaufnahme #0608141129, Bildformat: 60 x 90 cm, Bildträger: Leinwand, weiß, Ort: Graz (347m), Datum: 14.08.2006, Zeit: 11:29/ 18 sec, Temperatur: 17,6°C, Luftdruck: 960 hPa steigend, Relative Feuchte: 100%, Beschreibung: leichter Regenfall -abnehmend, gleichmäßig- dicht bewölkt, leichte Briese
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TRÖÖÖT, 2006
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Morphotransformation #8, 2006
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Daniel Hafner vor Wald, 0,5 t Karton, 2006
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Optoschüttler, 2006
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