Gemma auf double time
„Die Zeit“
von Konrad Heidkamp
Dann fang i mal an", keucht die heisere Stimme,
Kreisler-arrogant und Qualtinger-kotzig, "die Musiker heißen Näbas, d'
kennan sie ja." Der Autor Gunter Falk sitzt am 22. Dezember 1983 im Grazer
Forum Stadtpark, hält sein Buch Die dunkle Seite des Würfels hoch und
erklärt: "Das ist einer der entscheidenden Texte der Gegenwart." Die
Musiker heißen eigentlich Neighbours, das Buch kannten damals wenige und heute
kaum einer, die folgenden zwei Stunden zählen zu den eindringlichsten,
verzweifeltsten und gelassensten Begegnungen von poetischen Texten und Jazz.
Man muss nach rückwärts gehen, um sich nach vorwärts zu erinnern.
Nach Graz, einer österreichischen Universitätsstadt, wo in den sechziger Jahren
die jungen Wilden und die formbewussten Sprachentschlacker sich gegen die
Wiener Übermacht verbündeten, wo Wolfgang Bauer, Gerhard Rühm, auch Peter
Handke lasen, in Alfred Kolleritschs manuskripten veröffentlichten und
die graue Eminenz Gunter Falk seine Rollen spielte. Möglich nur auf der
überschaubaren Bühne einer Kleinstadt mit ihrem engen Geflecht aus
literarischen Zirkeln, angesagten Kneipen, Seminaren vom Hörensagen,
schwärmenden Frauen und einem Publikum, das registriert, was läuft, wer da
welchen Rausch hat. Gunter Falk gab es viermal: als Dozenten für Soziologie an
der Universität, als Dichter, der die Alltagssprache gegen den
Wissenschaftsjargon setzt, als Alkoholiker und als bekennenden Liebhaber. Kein
Wunder, dass sein Dissertationsthema Spielsystem und Spielverhalten
hieß, dass das ach so beliebte Rollenspiel zwei Seiten hatte: sich einzuüben
und sich zu distanzieren. Als Dichter zumindest konnte er die Widersprüche in
der Schwebe halten, in der Wirklichkeit brachten sie ihn um. "es gibt viel
das hier eine rolle spielt / spiel du deine und sei im rahmen denn / die würfel
in manchen sätzen fallen sondergleichen.
"Er frisst alles: Hoch- und Tiefkultur, Rockmusik und Jazz,
Wissenschaft und Poesie, Pornografie und Haikus. Ist er nüchtern, wird er
bitter und zynisch, trinkt er, erzählt er detailliert obszön, das Private muss
ins Öffentliche. Falk lebt in einer Welt aus Comicsprechblasen, Prosa, Montage,
Songtexten und Bildern, die man von Rolf Dieter Brinkmann kennt, und ist - im
Gegensatz dazu - Entschlacker von Sprache. Er produziert lakonische Gedichte,
die Konrad Bayer und Gerhard Rühm näher stehen als seinem Freund Wolfgang
,Wolfi' Bauer, dem er zu Magic Afternoon die Stimmung und zu Gespenster
die Rolle vorspielt.
"Schlag doch ... schlag doch zu ... so schlag doch endlich
zu." Ein verzweifelter Mann spricht da, wispert, brüllt, das Schlagzeug
knallt dumpf, das ist keine Papierlyrik, "liebe alles ... was du
erschlagen kannst", die kalte Wut richtet sich gegen die eigenen Sätze,
ein Duett für Schlagzeug und Stimme, ein frühes Manifest für Einstürzende
Grazer Neubauten. Nach einer Viertelstunde stoßen die anderen Neighbours zum
Schlagzeuger John Preininger dazu, der Grazer Pianist Dieter Glawischnig,
Bassist Ewald Obereitner, der Saxofonist Julean Simon als Gast. Der kinskische
Furor von Falk spiegelt sich in der Musik, ein Wühlen in den Wörtern, ein
Zerfetzen von Tönen.
Doch dann: "Des is a Prosatext, da is de Musik
anders ... Sie hörn scho, dass i a schwere Bronchitis hab ..."
Und die Musik wird zart, repetiert melodische Motive am Klavier, über einem
warmen Ostinato vom Bass spricht der Autor: "du bist geboren / und
ziemlich alt", er wiederholt Zeilen und Strophen, Gunter Falk war
Schlagzeuger, es ist zu hören. Kaum glaubhaft, dass die Lesung ohne Proben
ablief, sie spielten schon 1980/81 zwei-, dreimal zusammen. "Fangt's ihr
an", schnauft er den Neighbours zu und - trunken, aber in vollem
Bewusstsein schierer Größe -, zum Publikum gewandt, "wir sind vui zu guat,
um zu proben."
Jazz und Lyrik - das hat den Twen-Geruch von
Kunstkonglomerat nur schwer ablegen können, diese Verbindung aus aufgesagten
Gedichten und atmosphärisch passender Musik. Hier "bleiben sie im
Lied". Meint, sie reagieren auf Einwürfe, wechseln die Tempi, bewegen sich
in der Stimmung, ohne in Sicherheitsspiel zu verfallen. Wer Dieter Glawischnig
- heute Chefdirigent der NDR-Big-Band und Jazzkoryphäe an der Musikhochschule
Hamburg - aus seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Ernst Jandl kennt (Laut
und Luise), wird sich über den seismografisch improvisierenden Pianisten
und "Musik- erfinder" nicht wundern.
"Double time ... gemma auf normal time ... bleib drauf,
Dieter ... Entschuldigung." Ohne die osmotische Beziehung aus Poesie und
Improvisation, die Spielanweisungen von Gunter Falk ist diese Lesung schwer
denkbar. Was, stumm gelesen, das Knochengerüst von Sprache sehen lässt, setzt
mit der Musik Fleisch an, blutunterlaufen und mit Schnittwunden. Zwei Tage
danach, in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, stirbt Gunter Falk mit 41
Jahren. Es passt, dass er am Ende dieser zwei Stunden sagt: "I würd
vorschlagn, wir machn a Pause." Sie hat lange gedauert. Jetzt gibt es ein
kluges Buch mit zwei eingelegten CDs. "Dann fang ma mal an!"
Dossier Extra:Gunter Falk Herausgegeben von
Daniela Bartens und Klaus Kastberger; Verlag Droschl, Graz 2000; 284 S., 87,-
DM; 2 CDs "Texte und Jazz" mit Gunter Falk und den Neighbours;ISBN
3-85420-544-9
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