Jemanden einen „Hund“ nennen, ist umgangssprachlich in vielen Fällen keineswegs despektierlich zu verstehen, sondern ganz gegenteilig. In den jovialen Auszeichnungen wie „Hundianer“ oder „Hundling“ klingt jeweils ein gewisser Anteil von Neid im Wissen um das eigene Unvermögen des Sprechers gegenüber dem bewundernswerten oder unheimlichen Vermögen des so Bezeichneten mit.
Seit gut dreißig Jahren nun ist der Grafiker, Maler, Bühnenbildner und Plastiker Herbert Soltys auf seinem Weg des Suchens und Auffindens von Motiven und Formen für seine Arbeiten, des Findens von ihm adäquaten Techniken und deren Weiterentwicklung in einem inzwischen nur mehr schwer zu überschauenden, jedenfalls aber nicht zu übersehenden Œuvre, dessen sukzessive Weiterführung er als „Arbeit meiner Arbeit meiner Arbeit“, beschreibt. – In der allfälligen Bestimmung einer steirischen Kunsttopografie kommt man an Herbert Soltys schon lange nicht mehr vorbei und sei es im öffentlichen Raum, der ebenso immer wieder zum Feld für Malerei und Malperformance wird wie Cafés und Galerien, in denen er sich mittels seiner Arbeiten positioniert, damit Räume definiert oder im weiteren Sinn durch seine Arbeiten präsent ist. Es ist also nicht übertrieben, Herbert Soltys als Ass zu bezeichnen, das immer sticht – ein „Hundianer“ eben.
Ein stets behandeltes Motiv ist der menschliche Körper, der über eine Unzahl von Figuren in toto bis zur Konzentration auf Köpfe in diversen Variationen von realistischer Darstellung bis zur radikalen Abstraktion zum tragenden und die Form bestimmenden Element in Soltys’ Werk geworden ist. Über dieses erste Motiv der Kunst, den Körper, will Soltys allerdings nicht Befindlichkeiten der Dargestellten als Bilderzählung vermitteln, vielmehr erscheinen die Körper reduziert auf das Mittel zum Zweck, formale, Gestaltungs- wie Kompositionsfragen des Tafelbildes in einem fortwährenden Experiment auszuloten. In diesem Sinn sind auch Serien von Selbstdarstellungen nicht in erster Linie als Porträts zu begreifen, vielmehr ist es die jederzeit verfügbare Form des Selbst, die so wie jede andere Körperform oder Physiognomie, beispielsweise Franz Xaver Messerschmidts „Charakterköpfe“, vorrangig zur Komposition im Bildraum herangezogen werden. Soltys nähert sich so dem Warholschen Topos des „Image“, des allseits bekannten und öffentlich verfügbaren Bildes, während das Individuum, die Person hinter seiner / ihrer öffentlichen Maske verborgen bleibt. Eine Bildserie mit dem Titel „Chris“ (2002) dominiert zwar die wiederkehrende Physiognomie eines Kopfes, sie ist aber jeweils von formatfüllenden, grafisch angelegten Abstraktionen und Variationen von Köpfen überlagert, die an Comics oder Grotesken erinnern. Ähnlich eine „All Capones Männer“ (2000) genannte Serie, oder die „Serie rot Punkt“ (2001), in der Soltys ein weiteres Mal mit bekannten Gesichtern vor monochromem Hintergrund arbeitet, diese aber durch Überzeichnungen und Punktraster offensichtlich einem ornamentalen Prinzip unterwirft. In „Roter Läufer“, einer Serie aus dem Jahr 2005 (ausgestellt im Kunsthaus Weiz), arbeitete Soltys wieder mit dominantem Rot in Siebdrucken mit gestisch malerischen Elementen, die den regelmäßigen Raster der früheren Serien brechen. Was kann die Malerei (noch), was bleibt dem Maler Herbert Soltys in seinem, gegen alle Widrigkeiten der Kunstkritik verteidigten und konsequent beibehaltenen Metier der Malerei zu entdecken? Jedenfalls bleibt die formale Lösung des Bildraumes vorrangig gegenüber Fragen um die adäquate Darstellung von Individuen nach klassischen Intentionen der Porträtkunst.
Es gibt einen Essay des amerikanischen Philosophen Thomas McEvilley, in dem er sich mit der formalistischen Analyse und Kritik des Abstrakten Expressionismus von Rosalind Krauss, Clement Greenberg und Susan Sontag auseinandersetzt. Den von diesen Autoren eingeführten Begriff „feeling“, der ihre Argumentation begleitet – den Action Paintings eines Jackson Pollock etwa wären neben dem Anspruch der formalen Lösung keinerlei inhaltliche Kriterien zu attestieren – hält McEvilley entgegen, dass ein Kunstwerk grundsätzlich durch das Begriffspaar Form und Inhalt definiert ist wie eine Münze nicht ohne ihre zwei Seiten denkbar ist. Letztlich sei die Vorstellung, dass Bezüge und Assoziationen von der Kunsterfahrung auszuschließen seien, eine naive. Wie der sprachliche Ausdruck ist auch das Kunstwerk ein Zeichen, das nach Ferdinand de Saussure stets aus Bezeichnetem und Bezeichnendem bestehen muss.
Wenn Herbert Soltys die Formfindung für die Komposition seiner Bilder stets betont, stehen doch Bildelemente für Verweise auf Außerbildliches und sind hier Bezeichnendes für ein Wahrnehmungsfeld der gesellschaftlichen, politischen und medialen Umgebung des Künstlers, der Person Herbert Soltys. Ikonografische Elemente im subjektiv arrangierten Kontext verweisen als Zitate auf Wirklichkeiten außerhalb des Bildes. Ein spezifischer Aspekt, maßgebend für seine Arbeitsweise, ist der konsequente Bezug auf das eigene Werk in Rückschau oder Introspektion: Strukturbildende Elemente werden nach einer gewissen Zeit wieder aufgenommen, zum Teil physisch aus älteren Arbeiten extrahiert – etwa großformatige Malerei auf Papierbahnen – und als Collage auf Basis eigenen Materials wiederum in aktuelle Arbeiten integriert. Gleichzeitig ist Herbert Soltys ständig mit Zeichnen in grafischen Tagebüchern beschäftigt, um neue Formen, Strukturen und Konstellation in Vorarbeit zu entwickeln.
Diese ihm eigene Arbeitsweise, der immer wieder ausgeführte Rückschritt als erster zum Fortschritt, die Auswahl schon verwendeter Elemente, ihre Adaption für und Integration in neue Arbeiten, die daraus hervorgehende Weiterentwicklung der Kompositionen ist vergleichbar mit einer antiken Form des Wieder-Holens: Der so genannte „Laufende Hund“ ist eine gerundete Form des antiken Mäandermotivs, das an brechende Wellen erinnert. Vermutlich assoziiert diese Form und ihre Bezeichnung auch das Bild eines sich stetig fortbewegenden Hundes, eines Streuners, der auf seinem Weg immer wieder auf Merkwürdiges stößt: vorwärts - doch halt, da war etwas Wahrzunehmendes, zurück und wieder nach vorne. Und wieder umgangssprachlich entspricht diese Art der Progression dem Bild, zwei Schritte nach vor zu tun und einen Schritt zurück, dann wieder zwei nach vor.
Und stets ist Herbert Soltys bestrebt, mit seinen Bildern in den Raum vorzudringen beziehungsweise über konzeptuelle Strategien den Bildraum zu erweitern und den Galerieraum in ein Bezugssystem zu integrieren.
Dieses egozentrische „System Soltys“ – wie Beziehungsstrukturen aus der Sicht des Subjekts nicht anders als egozentrisch denkbar sind – ist in der Ausstellung Zeit [:] Sprünge (30. März bis 22. April 2006, Galerie Kunsthandel, Graz) modellhaft abgebildet: Nach stringentem Konzept angelegt, ist Zeit [:] Sprünge eine jeweilige Gegenüberstellung einzelner Werke des Zeitraums 1993 bis 2005. Im Galerieraum wird ein imaginäres Beziehungsnetz zwischen malerischen, grafischen und plastischen Arbeiten gebildet, die teils selbst schon aus Elementen früherer Arbeiten hervorgehen und im jeweils neuen Werk weiter entwickelt worden sind. Die Arbeitsweise ist auch vergleichbar dem in Musik, Film und Literatur praktizierten Sampling, einem Prinzip, das mit der Collage verwandt ist.
Ein weiteres Mal bezeichnend für die Arbeitsweise von Herbert Soltys ist die Fotografie auf der Einladungskarte zu Zeit [:] Sprünge: Herbert Soltys, er selbst, fotografiert eine Selbstdarstellung.
Wenzel Mraček
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Herbert Soltys
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