von Sandro Droschl
Ich möchte mein primäres Engagement auf den Bereich Priorität der Gegenwartskunst legen und hier gerade für experimentelle, international orientierte Positionen einstehen, die auf der künstlerischen, diskursiven und institutionellen Ebene angeordnet sind, um den progressiven lokalen Kräften in Produktion, Vermittlung und Trägerschaft eine ansteigende Unterstützung zukommen zu lassen. Es scheint mir wichtig, qualitativ hochstehende Schwerpunkte zu setzen, um die überregional anerkannten spannenden Positionen kontinuierlich zu stärken, sowie eine lokale Szene an dieser orientieren zu lassen, und sie entsprechend fördern zu können.
Neben der Stärkung der entsprechenden bzw. zu evaluierenden Ausstellungs- und universitären Zusammenhänge wäre hier auch der Aufbau einer - postgradualen - künstlerischen wie kunsttheoretischen Akademie wünschenswert, die durch ihr Wirken den Standort - letztlich für den gesamten post-kreativen künstlerischen Bereich - stärken sollte, um den zunehmenden Abwanderungen gerade der jüngeren Generation entgegenwirken zu können.
Graz und die Steiermark haben einen guten Ruf als dem Neuen gegenüber aufgeschlossene Region, als Ort der Künste, an dem allerdings dringend gearbeitet werden muss, da dieser ein im Lichte der Aktivitäten anderer vergleichbarer Städte strukturell ein traditioneller ist und wohl nur in der Vernetzung der progressiven Elemente eine Basis haben kann, auf die weitere zukunftsfähige Initiativen aufgebaut werden könnten.
Auszüge aus dem Pressetext zur Ausstellung:
VISTA POINT.
PERSPEKTIVEN
STEIRISCHER
KUNST
mit Ruth Anderwald + Leonhard Grond, Eva Beierheimer, Barbara Caspar, Manuel Gorkiewicz, Michael Gumhold, Christian Eisenberger, Daniel Hafner, Constantin Luser
04.02.-25.03.2006
Kurator: Sandro Droschl
Ort: Kunstverein Medienturm, Josefigasse 1, A-8020 Graz
Kontakt: +43.(0)316.740084, +43.(0)664.1312578, key@medienturm.at
weitere Informationen, Bildmaterial: www.medienturm.at
Die Ausstellung VISTA POINT zeigt vielversprechende Positionen zu aktueller medien-orientierter Kunst aus der Steiermark. Insgesamt ergibt sich ein vielschichtiges Bild einer jüngeren Künstlergeneration bis 30, deren eigenständige Proponenten aus ihrem geschickten Umgang mit einer vielfältig mediatisierten Umgebung präzise wie erfrischende Werkstrategien entwickeln.
In der Wahl ihrer Materialien und Mitteln gehen die Künstler divergent wie einfallsreich vor. Mit Arbeiten aus den Bereichen Grafik, Foto, Video und Skulptur sind Disziplinen am Schnittpunkt von Medienkunst und bildender Kunst vertreten, wobei auch unterschiedliche Materialbegriffe in mixedmedia Installationen verarbeitet und gleichzeitig spielerisch hinterfragt werden. Nicht die Auseinandersetzung mit einem Werkstoff oder das Verfolgen einer zentralen künstlerischen Idee steht im Vordergrund, sondern vielmehr das Untersuchen von Materialien wie Konzepten in Hinsicht auf ihre Verwendbarkeit innerhalb eines spezifischen Projektes. Dabei bleibt ein Interesse an der Entwicklung einer möglichst offenen Formensprache virulent; viele Arbeiten lassen ein breites kontextuelles Feld an potentiell anknüpfbaren Interpretationen zu, da auch einige zeit- wie kunstgeschichtliche Querverweise gelegt werden.
Auffällig bleibt, dass alle vertretenen Künstler in der Steiermark aufgewachsen sind, aber zumeist bereits in frühen Jahren einen wesentlichen Teil ihrer Ausbildung außerhalb der Steiermark erfahren beziehungsweise mittlerweile ihren Lebensmittelpunkt nach Wien bzw. in andere Städte verlegt haben. Die Ursachen sind vielfältig und wohl nur zum Teil zu korrigieren, zu stark und wesentlich ist gerade für junge Künstler die Ausstrahlung der virulenten Zentren der Gegenwartskunst. Trotzdem bleiben die Versäumnisse zahlreich, um wieder eine international verankerte, aktive Künstler-Szene in Graz aufzubauen und(zumindest temporär) hier zu halten. Wesentlich wäre die Gründung einer (postgradualen) Akademie bzw. eines universitären Instituts für Gegenwartskunst, die Förderung ausreichender Ateliers und Möglichkeiten, sperrige jüngere Positionen in regelmäßigen Abständen ausstellen zu können.
Der Kunstverein Medienturm ist sich dieser Problematik bewusst und etablierte über sein Bestehen seit 2000 einige Möglichkeiten, spannende regionale jüngere Positionen etablierteren internationalen Positionen gegenüberzustellen. Mit der Ausstellung VISTA POINT wurde nun erstmals der Versuch unternommen, den Blick explizit auf Arbeiten jüngerer steirischer Künstler zu richten.
Das Künstlerpaar Ruth Anderwald + Leonhard Grond beschäftigt sich konzeptuell und spielerisch mit dem Ausloten der eigenen - physischen wie imaginativen - Möglichkeiten. Mit den Mitteln der Fotografie, des Videos und der Installation etablieren die Künstler einen (selbst)reflexiven performativen Positionsbezug. In der Ausstellung werden zwei tabloide Fotoarbeiten gezeigt, die anhand von portraitartigen "Flugansichten" die Zerbrechlichkeit wie Offenheit des "Dispositiv Körper" (sic) in den Raum stellen, aber auch offensiv Fragen der Darstellbarkeit von offensichtlich selbstermächtigten Subjekten ansprechen. Das Phänomen des Denkens in Bildern, deren Verschiebungen wie Übertragungen im prozesshaften Verlauf der Nach-Bildlichkeit im Gedächtnis bzw. in der Vorstellung, steht dabei im Vordergrund des künstlerischen Interesses.
Eva Beierheimer arbeitet gerne mit vorgefundenen ortsspezifischen Strukturen, indem sie mit dem jeweiligen Ausstellungsraum verbundene räumliche oder grafische Elemente isoliert, überarbeitet und neu anordnet. So schneidet oder reißt sie (farbige) Leerflächen von institutionseigenen Plakaten, Flyern, Foldern etc. und montiert sie auf einen neutralen Hintergrund. Dabei werden die Strukturen des ursprünglichen Layouts sichtbar, was vorher Hintergrund war wird zum gestaltenden Element. In ihrer aktuellen Arbeit dekontextualisiert sie den Relaunch der Website des Kunstverein Medienturm, indem sie das neue Layout der Homepage von Texten und Bildern befreit und die zugrundeliegenden Frames und Templates skulptural arrangiert. In situ entwickelt Beierheimer eine weitere installative Arbeit, die sich mit einer räumlichen Situation unter Weiterentwicklung von vorgefundenen Schattenwürfen auseinandersetzt.
Barbara Caspar entwickelt in Film, Video, Foto und Performance eine intermediale diskursive Bildsprache. In ihren vielschichtigen künstlerischen Studien verweist sie auf Referenzsysteme der Kunstgeschichte, der Kulturtheorie und der Psychoanalyse, worin ihr geisteswissenschaftliches Interesse eine formale Interpretation erfährt. Anhand von installativen Anordnungen zeigt sie neue Handlungsräume auf, die Fragen nach Differenz in Bezug auf Begriffe wie Identität und Repräsentation eröffnen. In der Ausstellung präsentiert Caspar eine achteilige Fotoserie, die den Verlust der Aura des Kunstwerks im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit thematisiert.
Christian Eisenbergers Interesse gilt der Wertigkeit von Materialien, die vermeintlich für die Zuweisung des Begriffes „Kunst“ verantwortlich sind. In seiner großformatigen Skulptur „kiOSk“ entwirft Eisenberger eine begehbare Intervention im Innenhof des Kunstverein Medienturm – in Auseinandersetzung mit dem inflationären Begriff „Medien“, den er konsequent auf alle Medien ausdehnt. Elektronische Komponenten wie Bildschirme und Handies werden neben „analogen“ Datenträgern (Papier, Buch, Text, Pappe) zunächst als Material in neuen Zusammenhang gebracht und anschließend mit der Schrift- und Bildsprache des Künstlers überzogen. Der Innenraum wird mit Zeichnungen, Leuchtreklamen und Fotos gestaltet, Alltagstexte finden sich neben exklusiven Kunsttexten. Die Semantik der „Handschrift“ des Künstlers tritt in Wechselwirkung zu den ursprünglichen Informationen auf den einbezogenen Datenträgern.
In den Arbeiten von Manuel Gorkiewicz spielt die Beschäftigung mit Präsentationsmodellen eine wichtige Rolle, sowohl innerhalb von Kunsträumen als auch in deren vermeintlich trivialen Entsprechungen in der Alltagskultur. Dabei werden allgemein bekannte Sujets verwendet, die oft erst auf den zweiten Blick ihre künstlerische Strategie preisgeben. Schnelle Lesbarkeit und konzeptuelle Überlegungen schließen sich dabei nicht aus, sondern dienen als gegenseitiges als Trägermedium. Die aktuelle Installation „Ohne Titel, 2005/06" besteht aus einer Videoprojektion und einer mit Wandfarbe bestrichenen Holzkonstruktion. Das Video zeigt eine Zeitlupenaufnahme von geschütteten Flüssigkeiten, die in verschiedenen Brauntönen gefärbt sind und mit der Färbung der verschiedenen Seiten der Holzkonstruktion korrespondieren. Dabei verweisen Elemente des Videos auf das Vokabular gegenwärtiger Fernsehwerbung; auch werden minimalistische Konstruktionsstandards strapaziert, deren beider Verquickung teils aus der - vermeintlich gemeinsamen – Farbpalette resultiert.
Michael Gumhold steht exemplarisch für ein Verfahren, aus vorgefundenen Objekten wie Verweisen auf die Konstruktion eines offenen referenziellen Gefüges. Gumhold verschiebt Bedeutungen, die sich aus einem weitläufigen Raster vorgefundener Zeichen ergeben, um "skulpturale Bilder" zu entwerfen. In der mehrteiligen mixed-media Installation „o.T. (-273,15° Celsius : Rehearsal : Amplifier)“ setzt sich Gumhold mit - physikalisch wie semantisch verschobenen - Wahrnehmungs- und Bedeutungssmustern auseinander, indem er einen "Proberaum des absoluten Nullpunkts" entwirft. Seine Objekte stellen Collagen zwischen Sprache und Material dar, wobei die Sprache die Funktion eines Shifters im Verhältnis zwischen sinnlicher Wahrnehmung und an/erkannter Bedeutung übernimmt.
Das Experiment steht im Vordergrund aller Arbeiten von Daniel Hafner. Der Ausgangspunkt ist das Beobachten sowohl der Natur, als auch der (kulturellen) Techniken. Die Technik fungiert als Hilfsmittel zur Umsetzung, ist aber zugleich Gegenstand der Beobachtungen. Die Arbeit "Optoschüttler" behandelt den technischen Prozess der Bild-Darstellung von Röhrenmonitoren, indem sie den Schädel und somit auch das Auge des Benutzers in Schwingung versetzt. Durch Interferenzen zwischen der Frequenz des Bildaufbaus des Monitors und der Schwingung des Auges entsteht eine Veränderung des dargestellten Standbildes. Eine weitere Installation spielt mit den verschiedenen Möglichkeiten, interaktive Kunst zu rezipieren. Dem Betrachter von "Arbeit mit Text#2" stellt sich die Frage, ob er die Installation in all ihren Funktionen (und Konsequenzen) haptisch erleben will oder ob esausreicht, den durch die äußerliche Analyse erkennbaren Kontext zu interpretieren.
Constantin Luser setzt sich kritisch mit mediengestützter Kunst auseinander und verweist auf die Zusammenhänge zwischen Kunst, Gesellschaft und Industrie. Bei Lusers Installationen handelt es sich um Übersetzungen von Zeichnungen auf den Raum. Diese Zeichnungen gleichen am Computer entworfenen Konstruktionsplänen eines Industrieprodukts. Einzelne Bildausschnitte werden in kleinen Nebenskizzen hervorgehoben. Der Betrachter erhält dadurch Zusatzinformationen, er zoomt sich in Mikro- und Makrostrukturen hinein. Die Zeichnung wird zum tatsächlichen Bauplan. In der Ausstellung entwirft Luser damit eine Parallelwelt, in der sich die Parameter verschoben haben, in dernicht - wie bei einem Industrieprodukt - die technische, sondern die imaginäre Funktionalität des Konstruierten im Vordergrund steht.
Fotos: wm
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Christian Eisenberger
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Constantin Luser
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Daniel Hafner
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Elisabeth Fiedler (li.) und Barbara Caspar
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Eva Beierheimer
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Michael Gumhold
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Ruth Anderwald und Leonhard Grond
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