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„Drucksatz, 8-teilig, Alfabet A-Z“ - Eine Maschine

von Wenzel Mraček

Die plastischen Arbeiten und Installationen des e. d gfrerer sind auf erste Sicht wohl durch ihre Präferenz für Materialien zu beschreiben, die in merkwürdiger Nähe zu jenen der Arte Povera stehen, erweitert meist durch mit ihnen verbundene konzeptuelle Ansätze. Holz, Wachs, Papier und Textilien vermitteln einen unprätentiösen Eindruck, der aber eine Aufwertung durch mit den Objekten transportierte Inhalte erfährt.
Zum besseren Verständnis für gfrerers Arbeitsweise und wiederkehrende Intentionen in seinen Arbeiten sei vorweg an die Installation „Das Paar“ (2002) erinnert, ein aus Holz, Schnüren, Papier und Wachs konstruiertes Ensemble zu schließlich zwei Dingen, die wie nicht entdeckte – weil von ihm so nie entwickelte – Fluggeräte Leonardos anmuten. Und tatsächlich scheinen sich diese Flugschlitten zu bewegen oder zumindest für den Augenblick in ihrer Bewegung festgehalten zu sein. Mit den eingebundenen, zerknitterten Papieren transportieren sie Informationen, persönliche Erinnerungen e. d gfrerers an getätigte Reisen in Form von Aufzeichnungen, Kartenmaterial und Stadtplänen. Versiegelt in Wachsschichten bleiben diese Informationen hermetisch verschlossen und werden mit dem Paar auf eine neue Reise durch den Kunstraum geschickt.


... meine Erfindung umfasst den Gebrauch der gesamten Vernunft, einen Richter für die Streitfälle, einen Erklärer für die Begriffe, eine Waage für die Wahrscheinlichkeiten, einen Kompass, der uns über den Ozean der Erfahrungen leitet, ein Inventar der Dinge, eine Tabelle der Gedanken, ein Mikroskop zum Erforschen der vorliegenden Dinge, ein Teleskop zum Erraten der fernen, einen generellen Calculus, eine unschädliche Magie, eine nicht-chimerische Kabbala, eine Schrift, die jedermann in seiner Sprache liest; und sogar eine Sprache, die man in nur wenigen Wochen erlernen kann und die bald in der ganzen Welt Geltung haben wird. Und überall, wo sie hinkommt, die wahre Religion mit sich bringt.

Gottfried Wilhelm Leibniz, Brief an Herzog Johann Friedrich von Braunschweig, April 1679 (zit. n. Umberto Eco: Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München 1994, S. 13 f.)

 

Eine Kartoffel, einen Erdapfel – interessant allein schon das Genderproblem und der bildliche Verweis auf ihre/seine Herkunft –, widmet gfrerer zum „Drucksatz“ um. Durch Schnitte in acht Teile geteilt, das ergibt pro Teil drei Schnittflächen, werden diese Flächen mit Lettern eines Drucksatzes assoziiert und stehen für 3 x 8 = 24 Buchstaben des Alfabets. Die verbleibenden zwei Buchstaben werden in der Form gebildet, dass v wie im Lateinischen für u steht und w aus zwei v gebildet werden kann.

Die acht Teile wurden schließlich wieder aneinander gefügt und mit rotem Pigment gefärbt, darüber legte gfrerer eine konservierende Wachsschicht. Man muss – ähnlich der für den Konzeptualismus paradigmatischen Aktion Yves Kleins, in der er „künstlerische Sensibilität“ in Anwesenheit eines Notars gegen Blattgold eintauschte – an die platonische Kraft der Idee glauben, durch die e. d gfrerers „Drucksatz, 8 teilig, Alfabet A-Z“ zu einer hermetisch verschlossenen Maschine wird, durch die ihr Benutzer im Prinzip in der Lage ist, Output oder ein Produkt herzustellen. Dieses Produkt wäre in erster Linie Text, Text transportierte Information, deren Wert oder Inhalt in individueller Beziehung zum Anwender stünde. Bei mehreren Anwendern variierten, um dieser Logik zu folgen, die Texte, somit die Inhalte. In einer absoluten Betrachtung dieser Arbeit wäre man durch sie befähigt, die Welt zu beschreiben, einer Tradition der Entwicklung universaler Maschinen folgend, wie sie wahrscheinlich Ramon Lull mit seiner „Ars magna“ verfolgte und Schickard, Hahn, Pascal und Leibniz mit ihren arithmetischen Maschinen. Das wohl berühmteste literarische Beispiel solcher Art von Maschinen ist die „Maschine der Akademie von Lagado“ nach ihrem Autor Jonathan Swift benannt. In einem zwanzig Quadratdfuß messenden Rahmen angebrachte Holzwürfel, auf denen möglichst alle Wörter einer Landessprache in ihren verschiedenen Modi, Zeiten und Deklinationen aufgetragen sein sollten, konnten durch seitlich angebrachte Kurbeln immer wieder neue Wortkombinationen gebildet werden. Der Nutzen einer solchen Maschine liegt nach Jonathan Swift auf der Hand und er beschreibt ihn in „Gullivers Reisen“ (1726):

 Ein jeder wisse, wie viel Mühe die gewöhnliche Erlernung der Künste und Wissenschaften erfordere; [ ... durch diese] Erfindung werde die ungebildetste Person bei mäßigen Kosten und bei nur einiger körperlicher Anstrengung Bücher über Philosophie, Poesie, Staatskunst, Gesetze, Mathematik und Theologie ohne die geringste Hilfe von Geist oder Studium schreiben können.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen. Zürich 1993, S. 300

Ramón Llull (Raimundus Lullus 1232 od. 1235 – 1316) in Mallorca geborener Franziskaner, aufgewachsen an einem Schnittpunkt dreier Kulturen – jüdisch, arabisch, katalanisch entwickelte seine dagegen historische Ars Magna wohl eben aus jenem Bewusstsein sprachlicher Diversität. Die Ars Magna war als System einer perfekten philosophischen Sprache erdacht, mit deren Hilfe man die Ungläubigen bekehren könnte, ein medium persuasionis, ein Werkzeug der Überzeugung. Sie operiert mit den neun Buchstaben von B bis K und mit vier Figuren. Eine Liste von sechs Reihen mit je neun Elementen zeigt, welche Inhalte sich den Buchstaben zuordnen lassen. So entstehen neun „Absolute Prinzipien“ mittels derer die anderen Prinzipien einander ihre Natur mitteilen, ferner neun „Relative Prinzipien“ und jeweils neun Fragestellungen, Subjekte, Tugenden und Laster. Mechanisch in konzentrischen Scheiben aufgelistet werden nach kombinatorischem Vermögen und vor allem religiöser Prädestination ihres Anwenders Prinzipien des Glaubens generiert und permutiert.

Noch Gottfried Wilhelm Leibniz bezieht sich in den Deskriptionen seiner arithmetischen Maschine auf die kombinatorischen Prinzipien des von Neuplatonismus, kabbalistischer Wortmagie und Alchimie geprägten Lullus, dessen Motto „Omnia in uno sunt et in omnibus unum“ im 15. Jahrhundert bei Marsilio Ficino und Pico della Mirandola als „Wie oben so unten” das Verhältnis zwischen Mikro- und Makrokosmos beschreibt und das ebenso noch für die 1960 von Reimond Queneau, Jacques Roubaud, François le Lionnais und Georges Perec in Paris gegründete Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle, Büro für potentielle Literatur) gelten konnte, die sich – am deutlichsten Raymond Queneau mit seinem kombinatorischen Buchprojekt Cente Mille Milliards de Pòemes (1961) – ebenfalls auf die Kombinatorik des Raimundus Lullus beriefen. Dieser Bogen müsste ausgeweitet werden von Stéphane Mallarmés Permutations- und Konstruktionsliteratur Le Livre(1897) über die Montagen der Wiener Gruppe – Konrad Bayer der vogel singt (1957/58)bis wenigstens Andreas Okopenkos Lexikon-Einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden-Roman (1970).

Die Vorstellung, Sprache durch kombinatorische Verfahren und letztlich durch Maschinen – und seien es ideelle Maschinen (Syntax, Grammatik) als Gebrauchsanleitungen oder im weitesten Sinn Algorithmen – zu generieren, die potentiell in der Lage sind, jede Art von Text hervorzubringen, also auch Text, der die Welt analysiert und als Geschichtsschreibung archiviert, steht auch in naher Beziehung zu einem literarischen Topos, in dem die Welt als Buch respektive als Bibliothek symbolisiert wird, allen voran Die Bibliothek von Babel, die Jorge Luis Borges 1941 mit einem wahrscheinlich fiktiven Zitat einleitet: „By this art you may contemplate the variation of the 23 letters ...“ Borges beschreibt das „Universum (das andere die Bibliothek nennen)“ als aus einer „vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien“ bestehend, jeweils bestückt mit zwanzig Bücherregalen, die über in Gängen angebrachte Spiegel auch noch verdoppelt werden. „Die Menschen schließen gewöhnlich aus diesem Spiegel, dass die Bibliothek nicht unendlich ist (wenn sie es wirklich wäre, wozu diese schleierhafte Verdoppelung?)“ ... „In irgendeinem Regal irgendeines Sechseckes muss es ein Buch geben, das Schlüssel und vollkommenes Kompendium aller übrigen ist“, lässt Borges seinen Erzähler räsonieren ohne daran zu zweifeln, dass dieses Unmaß an Text nichts als die Welt sei, allein der Schlüssel, sie zu lesen müsse gefunden werden.

Als sei die Fiktion Borges Realität geworden, entwickelte David Gabriel bis zum Jahr 2001 am ZKM in Karlsruhe seine Poetry Machine (version 1.0) als Fahrzeug einer Odyssee durch den Textraum des www. Gibt ein Benutzer ein beliebiges Wort über das Keyboard der Poetry Machine ein, beginnt diese über das Wort zu assoziieren. Handelt es sich beim ersten um ein der Maschine noch unbekanntes Wort, entsendet das Programm autonome Bots (softwarebasierte Roboter) ins Internet, um entsprechende Informationen zu beschaffen. Die Bots bewerten das aufgefundene Material und schicken es zurück ans System. Der Suchprozess der Bots kann auf einem zweiten Display verfolgt werden, auf dem die besuchten textgebenden Internet Sites, ihre Bewertung und die verwendeten Dokumente dargestellt sind. Poetry Machine startet als unvoreingenommene tabula rasa, extrahiert auf Initialeingabe Texte menschlicher Autoren und bildet in der Folge selbständig theoretisch unendliche Ketten von Assoziationen.

In diesem historischen Umfeld realer und fiktiver Universal- aber vor allem Schreibmaschinen – nicht ausgenommen Babbages Differenz- und analytische Maschine oder Alan Turings Maschine – zeichnet sich e. d. gfrerers „Drucksatz“ vergleichsweise als die reduzierteste und gerade deshalb perfekteste aus. Potentiell – unter den Rahmenbedingungen, „Drucksatz“ als konzeptuelle Plastik oder konzeptuelles Objekt zu definieren – steht er wohl für den stets funktionstüchtigen Speicher und Textgenerator – vorausgesetzt, man weiß um die Kunst, ihn zu bedienen.
Aber das ist nicht alles!



Biografie
:

E.d. Gfrerer

geboren 1958 in Paternion/Ktn., aufgewachsen in Tamsweg/Sbg., Studium der Architektur in Graz, seit 1992 freischaffend, zahlreiche Ausstellungen in Rumänien, Sarajevo und Österreich, lebt in Graz.

„die permanente notwendigkeit, welt in erfahrung zu bringen, zwingt zur konstruktion von wirklichkeit, erzwingt die untersuchung und überprüfung von tauglichkeit und tragfähigkeit des hergestellten.“ e.d gfrerer

e.d gferer beschäftigt sich vorwiegend mit Installationen an Orten, die dem kanonisierten Kunstbetrieb der Galerien und Museen und dem Prinzip des White Cube diametral gegenüber stehen. Mit subtilen Eingriffen reagiert er auf ein Umfeld von „Werkstätten in Hinterzimmer-Hofgebäuden-Garagen“, das die Form und Materialien seiner Objekte bedingt und Teil seiner fragilen Installationen wird, die, oft der Witterung ausgesetzt, im allgemeinen nicht für die Dauer konzipiert sind. „Gegend“, sagt gfrerer, „ist Abdruck der An- und Abwesenheit von Menschen, ist ästhetisch signifikantes Material.“




E. d Gfrerer
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E. d Gfrerer


Drucksatz: 8 Teile
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Drucksatz: 8 Teile



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