Wenzel Mraček nach einem Gespräch mit Adam Budak, Kurator am Kunsthaus Graz
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Zu unserem Gespräch für die Imaginäre Akademie bringt Adam Budak das Plakat der Mobilen |
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„Ganz am Anfang“, erzählt Adam Budak, „habe ich Theaterwissenschaften in Krakau studiert. Dabei hatte ich stets interdisziplinäre Interessen, die in den von mir kuratierten Ausstellungen wie Video Dreams [Kunsthaus 2004] – unter Betonung von Aspekten der Überschneidung des Cineastischen und Theatralischen – oder Protections maßgeblich sind. Mein Anliegen ist es, mich mit einer seit Mitte der 1990er Jahren virulenten Tendenz im Kunstdiskurs, den Relational Aesthetics [1] nach Nicolas Bourriaud, auseinander zusetzen.“ Nach seinem Studium in Krakau belegte Budak einen Lehrgang zur Philosophie und Geschichte der Kunst und Architektur am Prague College der Central European University. Dieses „phantastische Umfeld von Architekten, Philosophen und Kunsthistorikern“ sollte sich für ihn als „direkter Weg in die kuratorische Praxis“ erweisen und er entwickelte für sich die Prinzipien seiner Arbeit als immer neu zu erkundende Antwort auf die Frage: „Wie kann man die Begriffe Kunst und Konzept im Raum organisieren?“ Dieses College in Prag betrachtet Budak heute als seinen „eye opener“. In Colchester, „sozusagen der Schluss meiner universitären Studien“, belegte er noch einen postgradualen Lehrgang zur Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Wieder zurück in Krakau war Budak Mitglied einer Gruppe, die die Studienrichtung Kulturmanagement an der Universität initiierte, was sich an der zweitältesten geisteswissenschaftlichen Universität Europas aufgrund des Widerstandes einer konservativen Universitätsleitung als äußerst schwierig erweisen sollte. Schließlich unterrichtete er aber im Rahmen der neuen Studienrichtung Zeitgenössische Kunst, Filmgeschichte und „International Circulation of Art and Culture“, eine Reihe von Vorlesungen um Fragen der Institutierung von Kunst und Kultur. Von der Galerie für zeitgenössische Kunst Krakau, dem so genannten Kunstbunker /
Resümee zu dieser Versuchsanordnung, nach wie vor die Notwendigkeit, überregionale Verbindungen herzustellen und Zusammenarbeit mit Institutionen und KuratorInnen zu stärken: „Wir brauchen dieses Potential, aber es bedarf einer Fokussierung – und es bedarf eines größeren Enthusiasmus der Grazer.“
Am Beispiel der Ausstellung (die keine ist) Protections erklärt Adam Budak nochmals seine Intentionen des Kuratierens: „Am 22. Oktober soll Protections nicht zu Ende sein, vielmehr soll damit ein Prinzip weitergeführt werden, das mit dem Begriff Bewegung umschrieben werden kann, das nicht fixiert werden kann und sich ständig weiterentwickelt. Statt nur einer Eröffnung im Rahmen dieses und folgender Projekte hätte ich gerne fünf weitere Eröffnungen, statt nur eines Kurators besser fünf Kuratoren, deren Projekte einander bedingen und in Abhängigkeit hinsichtlich der Disziplinen und Inhalte zueinander stehen.“ Das Konzept von Protections entspricht einer sukzessiven Erweiterung nach dem Prinzip: Die Ausstellung als Entwicklung der Ausstellung. In Erinnerung an die von ihm angesprochenen Relational Aesthetics und an genreübergreifende Dramaturgien des bildenden Künstlers und Theatermachers Tadeusz Kantor (1915-1990)[2] versucht Budak, dem statisch musealen ein Konzept der Bewegung, der Beziehungen und der offenen Strukturen entgegenzusetzen. Dieser Haltung verpflichtet, lud Budak im Jahr 2004 den Warschauer Documenta-Teilnehmer Pawel Althamer als Artist in Residence an das Kunsthaus Graz. Auf Vermittlung Adam Budaks konzipierteAlthamer, der sich in Zusammenhang mit seinen vielfach als performativ zu charakterisierenden und auf sozialen Recherchen basierenden Arbeiten als „Regie-Assistent der Realität“ bezeichnet, schon 2001 im OK Centrum für Gegenwartskunst in Linz im Rahmen von ReLocation ein Projekt, das im Umfeld zweier in Linz ansässiger Vereine polnischer Immigranten entstand. Für die Dauer dreier Monate übersiedelten beide Vereine in das OK Centrum, organisierten dort ihre Kulturveranstaltungen, gaben etwa Filmabende oder hielten Deutschkurse ab. Die notwendigen Umbauten wurden von polnischen Arbeitern ausgeführt. Einer öffentlich kaum wahrgenommenen Teilgesellschaft im Verband einer Stadt wurde so für eine begrenzte Zeit Aufmerksamkeit im Kunstraum zuteil. Für die BIX-Fassade am Kunsthaus Graz möchte Althamer dieses Konzept weiter ausführen: Inserate zur Übernahme handwerklicher Arbeiten, üblicherweise in der Wiener Straßenzeitung Augustin veröffentlicht, sollen Grundlage einer Lichtinstallation sein.Adam Budak ist auch als Kurator für manggha – Zentrum für japanische Kunst und Technologie in Krakau tätig. Im März dieses Jahres richtete er hier eine Personalausstellung mit der Nürnberger Bildhauerin Sabine Richter aus. Sabine Richter beschäftigt sich einigen Jahren mit Architekturfotografie, wobei der Fokus ihres Kamerablicks auf strukturelle Details in Übergangsbereichen zwischen Baukörper und Umgebung gerichtet ist. Klaus Kadas Stadthalle Graz ging so 2002 in eine Serie von Fotografien ein, die durch ihre mehrfachen Spiegelungen des Stahl-Glas-Komplexes im Bild konstruktivistischen Charakter erfahren, der außerdem in grafischen Arbeiten, als Freistellung dominanter Strukturen, zusätzliche Betonung erfährt. Im Jahr 2004 präsentierten die Minoriten Galerien diese Arbeiten von Sabine Richter in Graz unter dem Titel insight-out Neben für Krakau ortsspezifischen zeigte Richter auch im manggha-Zentrum Arbeiten aus der Serie über die Stadthalle Graz, für die Adam Budak im Katalogtext den Aspekt der „sich selbst erzeugenden Form“ in einem „Netz unsichtbarer Gesten“ ausmacht.Ein aktuelles und noch bis zum 17 September laufendes Projekt trägt den Titel Last Year in Eggenberg, The Paradise Show . Der Londoner Gavin Turk errichtete mit Plastiken, Objekten, Installationen und dramatischen Inszenierungen ein vielschichtiges assoziatives Netzwerk zwischen Alain Resnais’ Spielfilm Letztes Jahr in Marienbad (1961), Sprachspielen über die Form eigener Plastiken und den Namen Egg-enberg (sic.) (siehe Œuvre (Duck,), 2002) oder die eigene Person in einem Bezug zu einer historischen Kuriosität aus der Zeit Maria Theresias. In einem Video mit dem Titel Mechanical Turk stellt Gavin Turk den mechanischen Schachspieler Wolfgang von Kempelens dar, der erstmals 1769 der Kaiserin präsentiert wurde und unter dem Synonym Der Türke als erste Schach spielende Maschine in die Geschichte eingehen sollte. Dass es sich bei diesem Androiden um einen charmanten Betrug handelte, der aber dem Baron von Kempelen die angestrebte Stelle bei Hof einbrachte, sollte sich erst im folgenden Jahrhundert herausstellen.In den Arbeiten Gavin Turks finden sich aber auch inhaltliche Bezüge zum Werk des Schriftstellers Jorge Luis Borges. – Ein glückliches Zusammentreffen, denn auch Adam Budak beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit dem Werk Borges’ und dies führte zu der Idee, für die kommenden Jahre eine Ausstellung in Anlehnung an Borges’ Fiktionen (Ficciones, 1944) zu konzipieren: „Nicht über Borges“, betont Adam Budak, „ sondern über die imaginäre Welt von Borges.“
[1] Nicolas Bourriaud: Relational Aesthetics, Paris 2002. Nicolas Bourriaud ist Direktor des Palais de Tokyo in Paris. Relational Aesthetics behandelt vor allem eine Verschiebung des künstlerischen und kunsttheoretischen Fokus „von einer Beschäftigung mit Objekten und Installationen hin zu einer Beschäftigung mit Subjekten und der Ermöglichung ihrer Teilnahme an Kunstaktivitäten“. Durch die Beziehungen zwischen den Subjekten (KünstlerInnen, RezipientInnen, Gesellschaft) und die Kontextualisierung der Objekte (Kunstwerke) werden Verläufe, Prozesse ausgelöst bzw. sichtbar gemacht. (Vgl. dazu Suzana Milevska:
Partizipatorische Kunst. Überlegungen zum Paradigmenwechsel vom Objekt zum Subjekt. Angemerkt soll hier allerdings werden, dass partizipatorische Kunst kein Phänomen allein der 1990er Jahre ist, verwiesen sei auf Dada und folgende Entwicklungen wie Aktionismus, Happening, Fluxus, Situationismus oder genreübergreifende Theaterformen. In ihren Ambitionen erinnern die Relational Aesthetics an Herangehensweisen des Strukturalismus nach Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Michel Foucault u.a. [2] Der Künstler und Theatermacher Tadeusz Kantor (1915-1990) plädierte für ein Theater, das kein unmittelbarer Abklatsch der Realität ist, sondern in der Überschreitung zwischen Kunst und Leben das Unmögliche, Phantastische und Unbekannte erprobt. Das Theater „sucht nach einer neuen tief in der Vergangenheit verwurzelten Abstammung, die aus uralten Bräuchen kommt, aus Ur-Ritualen, aus magischen Praktiken, aus Festen, aus feierlichen Zeremonien, aus Spielen, aus Prunk und Umzügen, aus Massen- und Straßentheater, aus politischem und agitatorischem Theater, es sucht nach ihr überall dort, wo die Kunst kein zum Konsum bestimmtes Produkt, sondern eine integrale Komponente des Lebens darstellt. Noch bis zum 3. November zeigt die Kunsthalle Wien unter dem Titel Das unmögliche Theater eine Ausstellung zum Werk Kantors, der auch eine Professur an der Universität Krakau innehatte, und polnischen KünstlerInnen der jüngeren Generation, die sich in ihrer Arbeit wie Kantor in gattungsüberschreitenden Bereichen von bildender Kunst, Film, Performance und Theater bewegen. Pawel Althamer, Artur Zmijewski und Katarzyna Kozyra fassen den gesellschaftlichen Alltag als Raum auf, den der Künstler als Vermittler besetzt und in Interaktion mit dem Publikum tritt. Robert Kusmirowki setzt dort an, wo die Grenzen zwischen illusorischem und realem Raum liegen und die Unterscheidung von Fiktion und Realität, Original und Kopie unmöglich wird.
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