ABGEBROCHENE KORRESPONDENZ
Lieber Wolfi,
warum bekomme ich keine Karte, kein Fax mehr von Dir?
Du sitzt jetzt vielleicht auf einer netten Wiese und liest diesen Brief; schau her, nichts ist gleichgültig, es gilt nichts gleich, fast nichts ist schön, die Kunst und das Ficken ausgenommen, ansonsten müsste man sich fast zum Sterben entschließen, aber Du weißt ja, dass wir niemals sterben werden, wir werden immer da sein, in irgendeiner Form, wir werden immer trinken und tanzen, wie damals, erinnerst Du Dich?, im Theatercafé, Du erinnerst Dich nicht, okay, ich erzähl´s Dir, dann kannst Du´s besser vergessen:
Auf irgendeine Frage, Deine Arbeit betreffend, hast Du mich 1979 zum Tanzen aufgefordert, das war Deine Antwort, die beste, die ich jemals erhalten habe.
Und, weil wir schon dabei sind, was Du mir übers Geld erzählt hast, damals nach dem Kino, wo wir „Shining“ gesehen haben, ratlos rausgekommen sind, heute verstehe ich den Film vielleicht zu gut, aber das ist eine andere Geschichte, nämlich keine, ich weiß jetzt nicht, worauf ich hinaus will….
Ja, das Geld, das verdammte Geld sei wertlos, hast Du zu mir gesagt, das war Dein schlimmster Tabubruch, Du hast damals ja noch als Bürgerschreck gegolten, obwohl Du ja niemanden, schon gar keinen Bürger erschrecken wolltest, Du wolltest einfach…aber was soll ich Dir erklären, was du gewollt hast, Wolfi?
Und Du bist als schüchterner, freundlicher Mensch im Wohnzimmer meiner Eltern gesessen, um dann später ohne Honorar in einem Judenburger Wirtshaus zu lesen, und Du hast für mich gelesen, das war klar, und wir haben dann hinterher Lokalrunden geschmissen, letztlich hat die ganze Aktion die Stadtgemeinde eine astronomisch hohe Spesenrechnung gekostet, so war das, und es war toll…
Du hattest „Memory Holtel“ mit, das geradefertige Manuskript, eingewickelt in das Gedicht „Schmutziges Wasser“, Ilonka, Deine Freundin, hatte dunkle Brillen auf, die sie später abgenommen hat, um ihre bewusstseinserweiterten Augen zu zeigen, schön war sie, ganz Judenburg erstrahlte in ihrem Glanz, niemand hat Dich erkannt, als wir durch die Gassen gingen, in Graz war das ja anders, da hat Dir damals im „Lückl“ ein junger Mann einen Schilling in Deine Suppe geworfen: „Das hast Du für Dein Magic Afternoon…“ hat er gesagt, der Tepp, worauf Du einfach den Teller zur Seite geschoben hast, „diese Suppe esse ich nicht mehr“, hast Du gesagt…
Wolfi, warum erzähle ich Dir das? Weil ich´s mir selber erzähle, will ich so traurig bin, weil ich…ich weiß nicht…Und dann hast Du in Schladming Heidi kennengelernt, die ganz in der Nähe von Judenburg aufgewachsen ist, und ich habe verschiedentlich ihren damaligen Ehemann angerufen, auf Deinen Wunsch, und den Hörer an Dich übergeben, damit er nicht merkt, dass ihr…
Und es hat ja auch gehalten, wie auch immer, bis zum Schluß. Und Du glaubst ja nicht an die Liebe, aber die Liebe hat an Dich geglaubt, das ist die Hauptsache, denke ich, das ist die Hauptsache…
Manchmal fürchte ich, Du hast mich vergessen. Früher hast du mir noch Karten geschrieben, aus Amerika, aus Mexiko, aus Obdach, später dann Faxe, Gedichte, die Oberstudienräte als Geblödel abtun, aber die können ja selber nichts, nicht einmal unterrichten, geschweige dichten…
Und das Leben, na ja, die Welt, wobei ich gar nicht verstehe, was wirklich mit „Welt“ gemeint ist, irgendwann bricht der Kontakt halt ab, vermutlich eine technische Angelegenheit, vielleicht funktioniert mein Fax nicht richtig…Warum schreibst Du mir nicht mehr so was wie:
Schiller und Goethe
Trinken Beck´s Bier
Erst zur Morgenröthe
Und so lieben sie Shakespeare
Eichberger und Bauer
Dürfen kaum trinken
Den letzten Satz hast du durchgestrichen. Weil wir ja noch dürfen. Und fortgesetzt:
Sind bei der Unesco
Liegend auf der Lauer
Nach Eugéne Ionesco
Handke und Roth
Essen Soletti
Bald sind sie tot
Wie Elias Canetti
Über die Grünen haben wir gestritten. Du hast ja immer noch die Roten gewählt, außer im Land, da hast Du Krainer gewählt, und ich habe Dir meine Familiengeschichte erzählt, eine schreckliche Geschichte aus Widerstand und Tod, aber auf Deine Art bist Du ja selber im Widerstand, Wolfi, vor allem weil Du das gar nicht willst…
Ich wünsche mir von Dir, dass Du mir wieder Sätze sagst wie: Literatur braucht Wärme. Oder: Wenn´s mir einmal nicht mehr gefällt, was Du schreibst, dann ist´s wirklich gut..
Und das hab ich erreicht. Ziemlich bald hast Du mit dem, was ich geschrieben habe, nichts mehr anfangen können. Und das war dann mein Anfang. Trotzdem haben wir immer etwas anfangen können mit uns – oder nicht? Warum Dein Schweigen?
Du antwortest nicht. Gut, das ist auch eine Antwort.Und froh bin ich, dass ich Dir gesagt habe, wie großartig Dein Stück Foyer ist. Und Du hast geantwortet: „Ich bin froh, dass ich´s noch geschafft habe.“ Und Du hast viel geschafft.
Und über Deine Krankheit wollte ich nicht mit Dir sprechen, habe ich zu Dir gesagt. Mit Hypochondern über Herzleiden zu sprechen führt vermutlich zum Infarkt.
Schnellempfinder hast Du Dichter genannt. Als ziemlich allein empfinde ich mich manchmal, dann wieder nicht.
Alles Liebe
Dein Eichi
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Wolfgang Bauer
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