Man weiß nicht so recht, welche Bedeutung dem vor 100 Jahren, am 20. November 1906, geborenen steirischen Volkskundler und Kulturpolitiker Hanns Koren zukommt. War der Erfinder des "steirischen herbstes" ein wichtiger, aber in seiner Bedeutung doch aufs Regionale beschränkter Initiator? War der Professor für Volkskunde an der Universität Graz, wie Bruno Kreisky bei Gelegenheit sagte, "der bedeutendste Kulturpolitiker der Zweiten Republik" oder, wie Rudolf Kirchschläger meinte, ein Erzherzog Johann unserer Tage?
Kommt dem heimatverbundenen Katholiken aus Köflach und beliebten Landtagspräsidenten mit Wetterfleck und Hammerherrenhut in Zeiten der Spezialisierung und Kommerzialisierung aller Kultur gar eine überregionale Wirkung zu?
"auszeit" nennt sich der Verein, der anlässlich des 100. Geburtstages eine Reihe von Veranstaltungen und Produktionen initiiert hat. Dass das sozialdemokratisch geführte Kulturreferat der Steiermark unter Landesrat Kurt Flecker dieses Engagement für einen "Schwarzen" großzügig fördert, ist ein Zeichen für das nachwirkende Talent Hanns Korens als Brückenbauer über politische Grenzen hinweg.
"Der Brückenbauer" nennt sich auch Kurt Wimmers Buch über Koren. Der ehemalige Chefredakteur der "Kleinen Zeitung" bringt als studierter Historiker ideale Bedingungen mit. Er versteht sein Buch nicht als Biografie, sondern als "Porträt". Wimmer verzichtet in seiner sorgfältig recherchierten Arbeit darauf, das Leben Korens chronologisch nachzuerzählen. Vielmehr präpariert er die Koren prägenden, historischen Bedingungen heraus und stellt sie in kaum verzahnten Kapiteln nebeneinander.
So werden der Volkskundler, der Katholik, der Familienvater und natürlich der Kulturpolitiker zum Medium, das eine politisch wirre Zeit wieder auferstehen lässt. In Anlehnung an das von dem Historiker
Eric Hobsbawm so genannte kurze 20. Jahrhundert (Erster Weltkrieg bis 1989) macht Wimmer darauf aufmerksam, dass der 1985 verstorbene Hanns Koren dieses "Zeitalter der Extreme" fast zur Gänze durchlebt hat.
Der Sohn eines Fotografen erlebt Weihnachten 1910 als Vierjähriger in Köflach das erste elektrische Licht, übersteht Krieg und NS-Regime, wird in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum Kulturpolitiker, der den Nachholbedarf einer durch das Dritte Reich unterbrochenen Moderne unterstützt. Wimmer berichtet von Korens Prägung durch die katholische Jugendbewegung "Bund Neuland", von der
Begeisterung für Ottokar Kernstock und den ersten eigenen Schreibversuchen des Internatsschülers. Damals fügt Koren seinem Vornamen das zweite N hinzu und trägt, wie eine Maturazeitung spöttisch anmerkt, die Haare lang.
Neben der inhaltlichen Sorgfalt besticht Wimmers Buch durch reichhaltige Illustrationen. Die Dokumente und seltenen Fotografien fügen sich zu einem eindringlichen Zeitpanorama. Wimmers Stärke liegt darin, vergessene oder verdrängte historische Linien nachzuzeichnen. Dabei konzentriert er sich auf die Auseinandersetzungen zwischen dem sozialistischen Schutzbund, dem Heimatbund und den illegalen Nazis, und nach dem Krieg dann auf den Putschversuch der Kommunisten. Hinsichtlich des eigentlich Biografischen verzichtet er auf Spekulationen. Dafür lässt er Hanns Koren selber mit seinen Erinnerungen reichlich zu Wort kommen - ein Verdienst, da Koren auf diese Weise als lebendiger Erzähler der Bücher "Momentaufnahmen" und der "Nachlese" in Erinnerung gerufen wird.
Den Krieg übersteht Koren glimpflich. Dass es ihm später weniger um Konzepte als um Haltungen ging, mag durch diese Vergangenheit, in der sich erbitterte Gegner unversehens nebeneinander im KZ fanden, mitgeprägt worden sein. Jedenfalls brachte der Nachkriegspolitiker eine persönliche Aufrichtigkeit in die Politik ein, die dann oft Phänomenen zu Gute kam, die er persönlich gar nicht so schätzte.
Nach einem kurzen Zwischenspiel als Nationalrat holt der "alte" Josef Krainer Koren als Landeskulturrat in die Steiermark zurück. Wimmer macht klar, dass Koren vor allem als Ungleichzeitiger wirkte, der den kulturellen Transfer der Steiermark von der Vormoderne in die Postmoderne kulturpolitisch ermöglichte. Die Zeit zwischen 1957 und 1970 kann als Gründerphase gesehen werden, in der vieles möglich und noch mehr nachzuholen war. Dabei verfügte der "Realpolitiker" Koren über eine Zielstrebigkeit und einen langen Atem, der ihn glückliche Gelegenheiten pragmatisch nutzen ließ.
Neben dem "herbst" erfindet oder fördert Koren unter anderem die Steirische Akademie, das Trigon, die Internationalen Malerwochen, die Landesausstellungen, das Freilichtmuseum Stübing und das Forum
Stadtpark. Seine Leitbegriffe sind die Familie, das Haus und Gemeinschaft im Rahmen einer sinnstiftenden Heimat. Die Aufzählung zeigt eine geradezu geniale "Programmmischung" aus Korens eigenen Anliegen und Neuem.
1970, nach den Querelen um die Verleihung des Roseggerpreises an den Dramatiker Wolfgang Bauer tritt Hanns Koren als Kulturlandesrat zurück, bleibt aber Präsident des "steirischen herbstes".
Kurt Wimmer schildert in seinem Buch die Karriere eines großen, naiven Realisten, der bei der Verteidigung von Kunstwerken, die er persönlich nicht immer schätzte, einiges zu ertragen hatte. Und zugleich eine beklemmende, faszinierende Zeitgeschichte.
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