Innerhalb der lebhaften Szene junger slowenischer Architekturbüros gibt sich die Gruppe enota bewusst pragmatisch. Dass Pragmatismus aber nicht gleich Langeweile ist, beweisen nicht nur zahlreiche ambitionierte Projekte, sondern auch die eben erst erfolgte Auszeichnung des Büros mit dem renommierten Jože Plečnik-Preis für das Hotel der Therme Olimia in Podčetrtek. enota, 1998 von Aljoša Dekleva, Dean Lah und Milan Tomac in Ljubljana gegründet, wird seit dem Abgang von Aljoša Dekleva 2003 heute von Dean Lah und Milan Tomac weitergeführt. Ebenso nüchtern wie die Bürophilosophie ist auch der kritische Blick des Kollektivs auf die eigene Kollegenschaft. Über Hang und Zwang zur Selbstpromotion und Kritikaster in den eigenen Reihen: Milan Tomac im Gespräch.
GAT: Im Unterschied zu den Namen zahlreicher Büros der jungen slowenischen Architekturszene steht „enota" nicht für eine oder mehrere Personen, sondern für ein Gruppenlabel. Was bedeutet der Name?
Tomac: enota bedeutet Einheit. Denn wir glauben nach wie vor, dass Architektur weniger eine Einzelleistung ist, sondern Teamarbeit. Manche der jungen Büros in Slowenien sind der Ansicht, dass Namen attraktiv sind und Personen wichtig. Das ist nicht unser Stil. enota könnte ein Büro für jedermann sein. Jeder der möchte und einige Zeit hier gearbeitet hat, kann als Partner bei uns einsteigen.
GAT: Selbstinszenierung ist für Sie also kein Thema?
Tomac: Sagen wir es so: Es macht mir einfach keinen Spaß, herumzugehen und allen zu erzählen wie gut ich bin. So bin ich einfach nicht. Aber ich sehe sehr wohl, dass jene, die das tun, einen besseren öffentlichen Auftritt haben und damit auch mehr Aufträge bekommen. So ist es, da kann man nichts machen. Das ist unsere moderne Welt, in der Du Dich in der Fülle an Information hervorheben musst.
GAT: Wie gehen Sie es an? Was ist Ihre Strategie?
Tomac: Um zu Aufträgen zu kommen? Ich glaube, dass Architektur immer noch Arbeit an konkreten Projekten bedeutet. Es geht nicht darum, Preise einzuheimsen, Vorträge zu halten oder bei gesellschaftlichen Ereignissen dabei zu sein. Wir sind ein kommerzielles Büro. Kommerziell im Sinne, dass wir bei Null angefangen haben und für unsere Arbeit bezahlt werden wollen - wie andere auch. In Slowenien liegt das Architektengehalt unter dem internationalen Durchschnitt. Das hat zur Folge, dass man an mehr Projekten arbeiten muss um durchzukommen. Das mag gut sein oder auch nicht, jedenfalls lernt man dadurch, schnell zu sein und effektiv zu arbeiten. Du bist produktiver, und damit gibt es mehr Projekte, die Du herzeigen kannst. Es ist klar, dass dadurch nicht alles perfekt gelingt - wir haben etwa keine Zeit, aufwändige Details oder ähnliches auszuarbeiten. In unserem Büro arbeiten gegenwärtig sechs Leute an fünfzehn Projekten. Keine wirklich befriedigende Situation!
GAT: Der slowenische Architekturtheoretiker Andrej Hrausky beschreibt das Slowenien von heute als „kapitalistische Demokratie". Zwingt der Kapitalismus enota dazu, kommerziell zu sein?
Tomac: Ich glaube, dass jedes Büro kommerziell sein muss. Du kannst nicht an Illusionen arbeiten, du musst an realen Projekten arbeiten. Und reale Projekte sind bezahlte Projekte. Das Problem der Architektur ist, dass Qualität generell nicht einfach zu beurteilen ist. Gute Architektur, schlechte Architektur, gute Architekten, schlechte Architekten ... letztendlich sind es zwischenmenschliche Dinge, also vage Gründe, die über diese Frage entscheiden. Wir sind Ingenieure. Ich glaube an Stabilität, an Dinge, die fix sind. Wenn es aber um die Beurteilung von Architektur geht, beginnt alles zu fließen. Wenn Du lange genug darüber redest, dass Du gut bist, dann bist Du gut. Wenn Dein Kunde glaubt, dass Du gut bist, bekommst Du mehr Aufträge. In diesem seltsamen Spiel meine ich dennoch, dass der kommerzielle Weg in der Architektur ein guter Weg ist. Alle wichtigen Architekten sind auch kommerzielle Architekten.
GAT: Würden Sie auch Aufträge ablehnen?
Tomac: Wenn die Vorstellungen des Kunden mit den unsrigen nicht zusammengehen, ja. Ich meine aber, dass ein Kunde den Architekten bekommt den er verdient - und umgekehrt. Kunde und Architekt finden sich, und es geschieht kaum, dass Du mit einem Kunden zusammenarbeitest, der nicht mit Dir kompatibel ist. Es passiert also höchst selten, dass wir einen Auftrag ablehnen. Vielleicht geht das später einmal. Aber wenn Du als junger Architekt anfängst, ist jedes Projekt für Dich wichtig. Alles andere wäre purer Luxus.
GAT: Wie würden Sie allgemein die gegenwärtige Auftragslage in Slowenien beschreiben? Welche Chancen haben junge Büros?
Tomac: Ich glaube, dass es in Slowenien um die Chancen für junge Architekten besser steht als in Österreich. Dies auch deshalb, weil es in Slowenien kaum mehr ältere Architekten gibt. Als das politische System vor fünfzehn Jahren wechselte, gingen mit dem Ende des sozialistischen Systems auch die meisten der großen slowenischen Büros bankrott. Es gab einfach keine Investitionen mehr. Die wenigsten Büros retteten sich mit Kleinstaufträgen über diese Durststrecke, die von 1985 bis 1995 andauerte. Die jungen Büros, die beinahe alle nach 1995 gegründet wurden, fanden also eine tabula rasa vor. Darüber hinaus hatte sich durch die Einführung des Computers auch die Arbeitsweise in den Büros grundlegend geändert. Alle, die damit umgehen konnten, waren jünger als 25! Wir konnten also von niemandem lernen und mussten quasi bei Null anfangen. Ich hatte zu dieser Zeit das Glück, bei Sadar Vuga, die ihr Büro eben erst gegründet hatten, am Projekt der slowenischen Industrie- und Handelskammer in Ljubljana mitzuarbeiten. Im Büro waren wir damals hauptsächlich noch Studenten, und wir hatten keine Ahnung, wie wir das Gebäude umsetzen sollten. Statik, Bauphysik, Bauabwicklung - wir wussten nichts, gar nichts. Es war unglaublich: Die Arbeit erfahrener Architekten wurde einfach von Studenten gemacht. Aber erfahrene Architekten gab es nicht mehr, und diese Situation erlaubte es, dass junge Leute an großen und wichtigen Projekte arbeiteten. Und man kann von Glück sagen, dass es nur wenige Projekte dieser Art gegeben hat - denn wer weiß, was sonst alles passiert wäre!
GAT: Das klingt nach Euphorie.
Tomac: Ich bin stolz, dieser starken Generation nach der Wende anzugehören. Aber es gibt heute auch viele Probleme. Architekten werden allgemein gering geschätzt, man vertraut ihnen kaum. Das mag auch an den Architekten selbst liegen. Wir haben zwar gelernt zu entwerfen, Konzepte zu erstellen, zu zeichnen und mit Fachplanern oder Behörden zusammenzuarbeiten, aber was wir noch nicht beherrschen ist, unsere Kunden davon zu überzeugen, dass der billigste Weg nicht immer der beste ist; und dass der Architekt jemand ist, dem sie vertrauen können. Abseits dieser Probleme kannst Du als junger Architekt heute viele Aufträge bekommen. Es hängt nur vom Geld ab, und Geld ist relativ. Die Schwankungsbreite der Honorare reicht von guter Bezahlung bis zu einem Zehntel davon. Wenn Du gratis arbeiten würdest, könntest Du an so vielen Projekten arbeiten wie Du willst.
GAT: Dennoch scheint es einen nicht unbeträchtlichen Konkurrenzdruck unter den jungen slowenischen Büros zu geben. Wie sehen Sie deren Verhältnis untereinander?
Tomac: Slowenien ist klein, jeder kennt jeden, und jeder redet über jeden. Was mich traurig macht ist, dass Architekten immer wieder nicht nur kritisch zueinander sind, sondern diese Kritik auch in die Öffentlichkeit tragen. Das ist schlecht für uns und unseren Beruf. Man sollte sehr wohl kritisieren, aber nicht in der Öffentlichkeit.
GAT: Gibt es Diskussionen unter den Büros, einen Transfer der Ideen?
Tomac: Manchmal mehr, manchmal weniger. Ein Beispiel für Diskussion ist die Internet-Plattform „Trajekt", wobei ich denke, dass enota vielleicht nicht aktiv genug ist, um an einem solchen Projekt mitzuarbeiten. Ich habe einen Zwölf-Stunden-Tag, da bleibt für so etwas einfach keine Energie. Aber wir sollten diese Dinge dennoch tun - nicht zuletzt, weil wir im Grunde für eine gemeinsame Sache eintreten: Wie kann Architektur mehr Vertrauen in der Gesellschaft gewinnen?
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